Von Rahel Haag

Das Publikum bei Hiltl, dem expandierenden Zürcher Vegi-Unternehmen, mag gediegene Urbanität, ist weltoffen und gesundheitsbewusst. Das älteste vegetarische Restaurant Europas ist nicht ganz günstig, aber erfolgreich. Vor kurzem erst eröffnete es ein weiteres Lokal in der Sihlpost in Zürich. Ein nächstes ist im Multikultiquartier an der Langstrasse geplant. Auch die Tibits-Restaurants, die es mittlerweile in mehreren Schweizer Städten gibt, sind eng mit der Hiltl AG verbunden. Der Familienbetrieb wurde 2000 von den Gebrüdern Frei und der Familie Hiltl gegründet. Vegi boomt, und mit ihm Hiltl: Das Restaurant ist laut der Touristikwebsite TripAdvisor auf Platz vier von knapp 1500 Lokalen der Stadt Zürich.

Die Hiltl AG ist ein Familienbetrieb und wird in vierter Generation von Rolf Hiltl geführt. Der 50-Jährige ist bekennender Christ, nicht aber Mitglied in einer Freikirche, wie es mehrmals in den Medien hiess – Hiltl stellte dies 2013 via Twitter klar. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. In einem Interview mit dem Life Channel sagte er: «Bei mir kommt die Familie an zweiter Stelle, an erster steht Gott.» Gleichzeitig betont er immer wieder, dass es für ihn keine Rolle spielt, was seine rund 250 Angestellten glauben. Aber stimmt das wirklich?

Eine junge Frau hat andere Erfahrungen gemacht. Sie hat sich auf eine Praktikumsstelle im Bereich Kommunikation bei der Hiltl AG beworben und wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. «Dieses verlief zunächst wie jedes andere Vorstellungsgespräch», sagt sie. Als es aber um das Leitbild des Unternehmens ging, entwickelte sich das Gespräch plötzlich in eine andere Richtung. «Die Mitarbeiterin erklärte mir, dass das Leitbild des Hiltl wie die 10 Gebote aufgebaut ist.» Zudem habe sie explizit von «unseren 10 Geboten» gesprochen. «Schliesslich hat sie gefragt, wie ich selber zum Thema Glaube stehe.» Darauf hat die Interessentin wahrheitsgetreu geantwortet, dass sie nicht gläubig ist. «Ich sagte aber auch, dass ich jede Art von Religion respektiere.»

In der Folge erhielt sie telefonisch eine Absage. Als die junge Frau nach den Gründen für diese fragte, hiess es, dass sie die Werte des Hiltl zu wenig vertrete. «Das hat mich überrascht.» Immerhin ist sie seit 16 Jahren Vegetarierin und lebt seit einiger Zeit sogar vegan. «Zudem engagiere ich mich für den Natur- und Tierschutz.» Rückblickend sagt sie, dass die Diskussion über Religion im Vorstellungsgespräch einen grossen Teil ausgemacht habe. Zudem sei die Mitarbeiterin am Telefon nicht explizit darauf eingegangen, welche Werte sie meint. «Ich vermute, dass es ihr um die christlichen Werte ging und meine Aussage, dass ich nicht gläubig bin, letztlich den Ausschlag gegeben hat.»

Diesen Vorwurf weist Rolf Hiltl von sich: «Wir fragen unsere Bewerber nicht, was sie glauben.» Selber führt er seit einigen Jahren keine Vorstellungsgespräche mehr. Möglicherweise sei die damalige Absage unglücklich formuliert oder falsch verstanden worden. «Und dass es in einem Vorstellungsgespräch auch einmal philosophisch zu- und hergeht, kann vorkommen.»

Als philosophisch hat die Bewerberin das Gespräch nicht empfunden. «Mich hat das Ganze ziemlich irritiert.»

Rechtlich gesehen darf ein Arbeitgeber bei einem Vorstellungsgespräch nicht nach dem Glauben des Bewerbers fragen. «Fragen, die den Persönlichkeitsschutz eines Bewerbers verletzen, fallen unter das Frageverbot», sagt ein Experte für Arbeitsrecht. Allerdings gibt es Ausnahmen: «Wenn beispielsweise der Glaube des potenziellen Arbeitnehmers Auswirkungen auf den zukünftigen Arbeitsplatz hat.» Dies sei unter anderem bei Tendenzbetrieben der Fall. «Wer sich bei einem katholischen Pfarramt bewirbt, sollte selbstverständlich auch katholisch sein.» Hier sei die Frage legitim.

Anders sieht es im Fall Hiltl aus: Es wird betont, dass der Glaube der einzelnen Mitarbeiter keine Rolle spielt. Demnach ist es nicht zulässig, in einem Vorstellungsgespräch nach ebendiesem zu fragen. Für die Bewerberin hätte das Gespräch allerdings auch anders verlaufen können. «Wird im Vorstellungsgespräch eine unzulässige Frage gestellt, hat der Bewerber das Recht auf Notlüge», sagt der Experte. Hätte die junge Frau diese Möglichkeit genutzt und behauptet, dass sie gläubig sei, hätte sie womöglich eine Zusage für das Praktikum erhalten.
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Gegendarstellung

Die Aussagen inklusive Titel des am Ostersonntag, 27. März erschienen Artikels "Vegi-Restaurant Hiltl lehnt Atheistin ab" sind falsch. Die Hiltl AG hat noch nie eine Bewerberin oder einen Bewerber aufgrund ihrer Glaubensgesinnung abgelehnt oder angestellt. Auch hat das Leitbild, das auf der Hiltl-Website eingesehen werden kann [online mit Link: http://www.hiltl.ch/de/ueber-uns/hiltl-ag/leitbild], nichts mit den 10 Geboten zu tun. Jedes Teammitglied ist zur Freiheit berufen und soll und darf glauben, was es möchte. Für unsere multikulturelle Crew [online mit Link: http://www.hiltl.ch/de/ueber-uns/hiltl-ag/team] aus 60 Nationen suchen wir einfach die besten und freundlichsten Menschen, die unsere Gäste begeistern. Im Anschluss an die Publikation des Artikels hat sich die damalige Stellenbewerberin bei der Hiltl AG gemeldet und bestätigt, dass das Vorstellungsgespräch nicht gemäss Artikel abgelaufen sei. Die beim Vorstellungsgespräch involvierten Mitarbeiter der Hiltl AG bestätigen, dass die Kandidatin nicht für diese Stelle passte und ihr deshalb abgesagt worden sei.
Rolf Hiltl, Hiltl AG

Die Redaktion hält an ihrer Darstellung fest.