Eduard Weber ist erleichtert, als er die Stimme seines Sohnes hört. Die Leitung bricht mehrmals ab, doch diesmal muss er nicht warten, bis die Wärter des Kresty-Gefängnisses in St. Petersburg seinem Sohn Marco wieder die Erlaubnis zum Telefonieren geben. Es reicht, wenn die Handy-Verbindung wieder funktioniert.

Der Schweizer Greenpeace-Aktivist wurde am Freitag gegen Kaution aus der Haft entlassen. Für den 57-jährigen Vater Eduard ging damit eine unruhige Zeit zu Ende. Seit sein Sohn am 18. September von der russischen Küstenwache verhaftet worden war, lebte er mit der Ungewissheit, nicht zu wissen, wie es seinem Sohn geht. «Hätte Marco zwei Wochen draussen übernachten müssen, hätte ich mir keine Sorgen gemacht. Aber dass man ihn, den Zimmermann, der gewohnt ist draussen zu arbeiten, einsperrt und isoliert, machte mir grosse Sorgen», sagte Vater Weber gestern – kurz nachdem er zum ersten Mal mit dem freien Marco telefoniert hatte.

Verhaftet worden war sein Sohn, weil er zusammen mit weiteren GreenpeaceAktivisten aus aller Welt versucht hatte, ein Transparent an einer Erdölplattform des russischen Rohstoffkonzerns Gazprom in der Arktis anzubringen. Die Umweltaktivisten kritisieren, das Risiko für das sensible Ökosystem der Arktis sei bei solchen Bohrungen zu gross.

Vom Greenpeace-Eisbrecher «Arctic Sunrise» aus näherten sich die Umweltschützer mit Schlauchbooten der Plattform. Einzelne Aktivisten befestigten Seile an der Bohrinsel und klettern daran nach oben. Unter ihnen auch Marco Weber. Russische Sicherheitskräfte attackierten darauf die Greenpeace-Aktivisten. Es kam zu Rangeleien zwischen Booten. Beamte der Küstenwache feuerten Warnschüsse ab. Sie seien von den Umweltschützern attackiert worden, machen sie später geltend.

Nach der Verhaftung wurden die Umweltschützer und sie begleitende Journalisten nach Murmansk gebracht und später nach St. Petersburg verlegt. Greenpeace startete eine weltweite Solidaritätskampagne. Von Neuseeland bis Norwegen demonstrierten Umweltschützer für die «Artic 30». Auch Vater Weber beteiligte sich mit einer Videobotschaft. Er meldete sich zudem bei der russischen Botschaft in der Schweiz und wurde dort auch empfangen. «Ich wollte meinen Respekt gegenüber dem russischen Volk ausdrücken und erklären, dass Marco nur die Umwelt schützen will», sagt Eduard Weber. Er schrieb dem russischen Botschafter Alexander Golovin: «Mein Sohn ist nun lange in Russland und hat Zeit, sich mit der russischen Kultur auseinanderzusetzen. Könnten Sie ihm etwas Passendes zukommen lassen?» Tatsächlich wurde Marco Weber ein «sehr schöner Bildband mit russischen Landschaften» in die Zelle geliefert, wie dieser seinem Vater gestern am Telefon bestätigte. Wann sich die beiden wiedersehen, wissen sie noch nicht. Es ist ungewiss, ob Marco Weber überhaupt ausreisen darf. Im Moment befindet er sich zusammen mit weiteren Aktivisten in einem Hotel in St. Petersburg.

Yves Zenger, Pressesprecher von Greenpeace Schweiz, bestätigt, dass die Umweltorganisation die Kaution von umgerechnet rund 55 000 Franken bezahlt hat. Das Geld erhält Greenpeace zurück, wenn Weber vor Gericht erscheint. In der Regel würden Aktivisten dies tun, sagt Zenger. Die Entscheidung liege aber bei Weber. Dessen Vater kann sich gut vorstellen, dass dieser vor Gericht aussagt. «Marco geht es nicht um seine Freilassung, sondern um Gerechtigkeit. Seine Mission ist erst erfüllt, wenn in der Arktis nicht mehr nach Öl gebohrt wird.»

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