Wofür die an der ETH Zürich betriebene Luftfahrt-Forschung dereinst eingesetzt wird, ist unklar. Fest steht hingegen, wer sich dafür interessiert: das US-Militär. Das amerikanische Verteidigungsministerium bezahlt 137 000 Dollar an das ETH-Zentrum für Strukturtechnologie. Mit den Geldern tüfteln die Wissenschafter an neuen Flügelmodellen. Diese könnten künftig die Tragflächen von Flugzeugen oder Rotorblätter von Helikoptern verbessern.

Der Vertrag wurde im Sommer 2014 abgeschlossen und läuft noch bis zum 31. August. Das geht aus einer von der US-Regierung betriebenen Website für Staatsausgaben hervor. Die ETH nennt die Geldgeber im Projektbericht nicht explizit: Dort heisst es schlicht: «Andere».

Darf eine vom Bund finanzierte Hochschule für ausländische Regierungen forschen? Verstossen diese Projekte nicht gegen die Neutralitätsklausel der Schweiz? Dem widerspricht die ETH. Das Projekt befasse sich ausschliesslich mit der Grundlagenforschung, sagt Franziska Schmid, Sprecherin der ETH Zürich. Die Hochschule untersuche keine konkreten Anwendungen. Zudem würden alle Ergebnisse publiziert. Sie stehen also allen Interessierten offen, nicht nur dem Pentagon. Auch die Ziele des Projekts würden von der ETH definiert.

Das ETH-Projekt ist keineswegs einmalig. Die US-Regierung steckt ihr Geld seit Jahren in Schweizer Universitäten. Dabei handelt es sich um Millionenbeträge, wie aus der US-Datenbank hervorgeht. Von der Finanzspritze profitierten unter anderen die ETH Lausanne (EPFL) sowie die Universitäten in Bern, Neuenburg und Lausanne.

Der US-Regierung liebstes Kind ist allerdings die Universität Zürich. Die Amerikaner bezahlten 2014 den Rekordbetrag von 800 000 Franken in Zürcher Forschungsprojekte. Das Geld stammt nicht vom US-Militär, sondern vom Gesundheitsdepartement, das von den US-Behörden am meisten in Schweizer Unis investiert. Die Zürcher Wissenschafter erforschen damit Krankheiten wie Diabetes, Hirnströme oder die Folgen von zu viel Stress. Doch auch die Uni Zürich stand schon auf der Empfängerliste des Pentagons, zuletzt 2011. Damals ging es um Datenanalyse und die Entwicklung eines entsprechenden Algorithmus. Der Hauptinteressent: die US-Navy. Das 78 000-Franken-Engagement endete im Herbst 2012.

Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, verteidigt diese Art der Drittmittel. «Es ist legitim, zu fragen, warum sich das US-Verteidigungsdepartement für unsere Forschung interessiert», sagt er. Für ihn ist entscheidend, dass die Forschungsfreiheit gewährleistet bleibe und die Ergebnisse veröffentlicht werden. Die Universität leiste wissenschaftliche Arbeit im Interesse der Allgemeinheit, betont Hengartner.

Meistens erhalten die Hochschulen sogenannte Grants. Forscher ersuchen um Gelder, damit sie ihre eigenen Projekte umsetzen können, nicht Auftragsprojekte ausländischer Regierungen. Letztlich seien Forschungsgelder aus dem Ausland aber auch ein Ritterschlag für die Schweiz. «Nur wenige Länder finanzieren Grundlagenforschung im Ausland», sagt Hengartner. Das spreche für die Qualität der hiesigen Wissenschafter.

Doch damit geben sich Kritiker nicht zufrieden – im Gegenteil. Derzeit formiert sich ein breiter Widerstand gegen die gängige Praxis:

> Die Studenten: Im kommenden Semester werden Studenten der Universität Bern einen Antrag stellen, um die Herkunft von Drittmitteln offenzulegen. Die Transparenz soll zum Jahresschwerpunkt des Studierendenrats werden. Unterstützt werden die Studierenden von der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA). Diese will einen Schritt weiter gehen und fordert eine Zivilklausel, die Forschung jeglicher Art für die Rüstungsindustrie verbietet, ähnlich wie es an manchen deutschen Hochschulen bereits der Fall ist.

> Der Bund: In der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrates sind mehrere Mitglieder über das Engagement des Pentagons an Schweizer Hochschulen irritiert. Kommissionspräsident Matthias Aebischer (SP/BE) fordert deshalb Transparenz von den Universitäten. Noch hat die Kommission nicht entschieden, was sie unternehmen wird. Sie will zuerst ein Treffen zwischen der Geschäftsprüfungskommission und dem ETH-Rat im April abwarten. Bei dem Treffen wird es auch um die Forschungsfinanzierung von Dritten, wie zum Beispiel des Pentagons, gehen.

> Die Universitäten: Auch die Hochschulen reagieren. Die Universität Zürich will künftig transparent machen, woher externe Forschungsgelder – die Drittmittel – stammen. Dafür wurde kürzlich eine interne Arbeitsgruppe gegründet, wie Rektor Hengartner bestätigt. Denkbar ist eine öffentliche Datenbank, in der die wichtigsten Eckdaten aufgeschaltet werden. Erst vor wenigen Monaten hat sich zudem der Studentenverein «kritische Politik an der Uni Zürich und der ETH Zürich» in einem Antrag gegen Forschung für das Militär ausgesprochen und neue Richtlinien gefordert.

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