Die Sicherungen brannten in diesem Fall gleich mehrfach durch. Zuerst die eines FCZ-Fans. Dann die der Zürcher Richter. Doch von Anfang an: Während des Fussballspiels des FC Zürich gegen die Grasshoppers (GC) am 2. Oktober 2011 eskalierte eine Fehde zwischen rivalisierenden Fangruppierungen. GC-Ultras verbrannten Fahnen von FCZ-Anhängern. Die sahen rot.

Es kam zu chaotischen Szenen. Ein FCZ-Fan rannte zum gegnerischen Sektor und warf eine brennende Seenotfackel (im Fan-Jargon Pyro) Richtung GC-Fans. Der Schiedsrichter brach das Spiel in der 78. Minute ab.

Dann wurde der Fackelwerfer selbst zum Gejagten. Der «Blick» veröffentlichte sein Foto und stilisierte die Tumulte am Stadtrivalen-Derby zur «Schande von Zürich» hoch. Unter dem öffentlichen Druck kam nun die Justiz in Fahrt. Das Bezirksgericht Zürich verurteilte den reuigen FCZ-Fan, der sich selber gestellt hatte, wegen Gefährdung des Lebens und weiterer Delikte zu zwei Jahren Haft bedingt plus 500 Franken Busse. Der Fan legte Beschwerde ein. Das Zürcher Obergericht wollte aber von Strafmilderung nichts wissen. Im Gegenteil. Es verschärfte das Urteil, wertete den Fackelwurf als versuchte schwere Körperverletzung – und verstiess damit selber gegen die Regeln. Das Bundesgericht pfiff die Zürcher Kollegen zurück. Denn ein Gericht darf einen Verurteilten, der in Berufung geht, nicht härter bestrafen als die Vorinstanz. Verschlechterungsverbot heisst dieses Prinzip und steht in der Strafprozessordnung. Das Obergericht musste sich darum noch einmal mit der Sache beschäftigen und krebst nun zurück.

Das neue Urteil, das der «Schweiz am Sonntag» vorliegt, fällt um einiges milder aus. Es nimmt nicht nur die vom Bundesgericht beanstandete Verschlechterung zurück, sondern reduziert die ursprüngliche Strafe des Bezirksgerichts. Der Wurf eines Pyros auf die gegnerischen Fans wird nun weder als Gefährdung des Lebens noch als versuchte schwere Körperverletzung gewertet. Das Gericht schätze die Gefahr, dass jemand durch einen Pyro tödlich verletzt wird, als sehr gering ein. Tatsächlich kam ein GC-Fan, der von der Fackel getroffen wurde, mit Rötungen davon.

Das Obergericht verurteilte den Fackel-Werfer schliesslich wegen versuchter einfacher Körperverletzung und weiterer Delikte zu 13 Monaten Haft und einer Busse von 500 Franken. Die Haftstrafe wird auf Bewährung ausgesetzt. Auch die Bewährungsfrist wurde von drei auf zwei Jahre reduziert.

Das deutlich mildere Urteil birgt einige Sprengkraft in sich. Denn die jüngsten Einkesselungen von Fans in Zürich und Aarau durch die Polizei waren auch mit der Gefährlichkeit der Pyros begründet worden. Das Zürcher Obergericht stellt diese Begründung nun indirekt infrage.

Wie gefährlich die Fackeln wirklich sind, bleibt umstritten. Das Gericht ging nicht auf den Antrag der Verteidigung ein, diese Frage durch Experten wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft könnte es nun wiederum vor Bundesgericht anfechten.

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