Fiat Lux predigt das Ende der Welt – doch vor dem Untergang steht nur der Orden selbst. So tief wie noch nie beziffert Religionsexperte Georg Otto Schmid die Anzahl Anhänger. «Während dem in den Neunzigern jeweils Hunderte Menschen, vor allem Heilungssuchende, aber auch Ordensmitglieder, zu Uriellas Veranstaltungen anreisten, werden heute nur noch ein bis zwei Dutzend Externe gesehen», sagt Schmid.

«Es ist sehr still geworden», sagt denn auch die Hoteliersfrau im süddeutschen Ibach. Ihre Gaststätte befindet sich nahe dem Sekten-Zentrum im Schwarzwald. Zugenommen habe einzig die Anzahl Treffen der verbliebenen Anhänger: «Statt einmal im Monat treffen sie sich nun einmal in der Woche, vermutlich um sie enger an die Vereinigung zu binden», so die Hoteliersfrau, die ihren Namen «lieber nicht» in der Zeitung lesen möchte. Gemeindepräsident Helmut Kaiser ist es nur recht, dass Ibach keine Pilgerströme mehr zum selbst ernannten Sprachrohr Gottes anzieht. «Ich habe Frau Bertschinger das ganze Jahr 2011 nicht gesehen», sagt er.

Erika Bertschinger-Eicke, wie Uriella bürgerlich heisst, ist schwer krank. Das ist seit Jahren auch die stereotype Auskunft von Ehemann Icordo. Verbürgt ist, dass sie wegen eines Tumors im Kieferbereich operiert werden musste. «Entweder hat sie heute immer noch Krebs oder sie leidet an Demenz», sagt Schmid.

In Ibach ist bekannt, dass die heute 82-jährige Zürcherin nicht mehr gehen kann. Sie werde von ihren Mitgliedern herumgetragen. Doch auch diese bekommen sie kaum mehr zu Gesicht, wie ein Mitglied erzählt: «Wir hören ihre Botschaften nur noch über Band.» Auf Nachfrage lässt Icordo ausrichten, er habe zu viel Arbeit für Antworten – und wünscht «einen guten Rutsch ins neue Jahr». Das tönt im Vergleich zu den düsteren Prophezeiungen in den 90er-Jahren schon fast zuversichtlich. Legendär ist der Titel einer Medienmitteilung, warum der Untergang nicht eingetreten ist: «Kurzer Aufschub für die allerletzte Reinigungsphase der Erde von Gott gewährt».

Letztmals Post aus Ibach erhielt Sekten-Experte Schmid vor einem halben Jahr. Darin schrieb ihm Icordo zum Gesundheitszustand von Uriella: «Trotz grösster Schmerzen, erfüllt sie dennoch tagtäglich ein Mammutprogramm als Ordensmutter (...).» Das dürfte nur die halbe Wahrheit sein. Wäre Uriella in der Lage, eine öffentliche Botschaft zu verkünden, hätte sie das längst getan.

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