Ein Auto nach dem anderen biegt von der Hauptstrasse auf den Parkplatz ein. Es steigen aus: Handwerker, Anzugträger, Lehrlinge, Rentner. Alles Männer. Es ist Freitagmittag in einem unscheinbaren Quartier: Willkommen in der Moschee von Kreuzlingen TG.

Wenn sich der Stellenwert einer Religion an der Sichtbarkeit ihrer Sakralbauten misst, steht es nicht gut um den Islam in der Schweiz. Zum Gebet treffen sich die Muslime meist in Hinterhöfen, in umgebauten Lagerhallen und Garagen. Anders in Kreuzlingen: Hier besteht die Moschee aus einem Gebetsraum im Erdgeschoss eines Wohnhauses, durch die Fenster scheint Tageslicht, das Gebäude wurde kürzlich renoviert. So hell das Licht, so offen die Gemeinde: Gäste empfängt Rehan Neziri, der Imam des albanisch-islamischen Vereins, gerne. Und doch sind sie eher selten.

Seit den Anschlägen von Paris leben die Muslime in der Schweiz unter einem Generalverdacht. Der Terror der Islamisten schürt die Vorurteile, die viele gegenüber dem Islam haben. Die Hälfte der Schweizer empfand die Religion gemäss Umfragen bereits 2013 als Bedrohung. Heute dürften es noch mehr sein. Das macht den Muslimen Sorgen. «Ich spürte, dass mein Umfeld von mir eine Bestätigung hören wollte, dass die Anschläge nichts mit dem Islam zu tun haben», sagt Fathima Ifthikar (27), eine Kommunikationsstudentin aus Utzenstorf BE.

Genau diese Bestätigung lieferte in den vergangenen Tagen jeder Imam und jeder Präsident eines muslimischen Vereins. Wortreich und vehement distanzierten sie sich von den Attentaten, die im Namen ihrer Religion verübt wurden. «Das Grundgefühl der Muslime in der Schweiz ist Entsetzen», sagte Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios).

Was die hiesigen Muslimverbände lange zu wenig taten, geschieht in diesen Tagen fast reflexartig. Manche Beobachter sehen das kritisch. «Ihnen bleibt nur die Wahl, ein vorgegebenes Bekenntnis im Sinne von ‹Je suis Charlie› nachzubeten oder als Terrorsympathisanten zu gelten», sagt Andreas Tunger-Zanetti, Islamwissenschafter an der Universität Luzern.

Bei all den Distanzierungen geht unter, dass sich auch Schweizer Muslime an den Mohammed-Karikaturen stören, wie sie die Zeitschrift «Charlie Hebdo» regelmässig veröffentlichte. Gerade die Wortmeldungen junger Muslime in einschlägigen Facebook-Gruppen klingen oft anders als jene der Imame. Sie teilen dort Beiträge wie jenen des deutschsprachigen selbst ernannten Predigers Ibn Yakub, der die Anschläge mit keinem Wort verurteilt, aber in einem 16-minütigen Video über die Doppelmoral des Westens schimpft. Die Attentate seien eine Folge von «Hetze und Hass gegen den Islam». Geteilt werden auch Botschaften, die den Terror von Paris als eine vom Westen inszenierte Aktion darstellen, die dem Islam schaden wolle.

Mit solchen Aussagen kann wohl eine grosse Mehrheit der hiesigen Muslime nichts anfangen. Doch sie lenken den Fokus auf ein Problem: Die Imame und Islamvereine kennen längst nicht alle Muslime. Welche Predigten und Propagandavideos gerade junge Männer im Internet konsumieren, wissen sie nicht. Wenn jemand radikalisiert wird, geschieht es in der Regel dort.

Wie viele Muslime in der Schweiz extremistisches Gedankengut pflegen, ist unbekannt. Nur 50 000 der rund 400 000 Muslime in der Schweiz sind überhaupt aktive Gläubige, der Anteil der praktizierenden Muslime liegt somit zwischen jenem der Katholiken und der christlichen Freikirchen. Die Mehrheit lebt einen liberalen Islam. Das hängt auch mit der Herkunft der Muslime zusammen, die zu 90 Prozent aus Ex-Jugoslawien und der Türkei stammen.

Das ist auch einer der grossen Unterschiede zu den Muslimen in Frankreich. Schon lange vor den Anschlägen in Paris war offensichtlich, dass dort die Integration vieler Muslime gescheitert ist. Brennende Vorstädte, grassierende Jugendarbeitslosigkeit, Gewaltausbrüche an Schulen: Von solchen Zuständen ist die Schweiz weit entfernt. Zwar leben auch in Schweizer Städten wie Biel, Basel oder Winterthur bis zu 10 Prozent Muslime. Doch hier ist man überzeugt, mögliche Probleme früh genug erkannt zu haben.

In Basel leistete der frühere Integrationsbeauftragte Thomas Kessler Pionierarbeit. Anders als in Frankreich seien die Muslime – auch dank des durchlässigen Bildungssystems – in der Schweiz gut in die Arbeitswelt eingebunden. «Viele Muslime pflegen kleinbürgerliche Werte und sind ländlicher Herkunft. Damit passen sie in die Agglomerationen und Dörfer, wo ebenfalls konservative Werte geschätzt werden: Familie, Arbeit, Ordnung, Mässigung.» Kessler zieht einen historischen Vergleich: Gemessen an der Schweizer Erfahrung mit den Katholiken in den protestantischen Orten verlaufe die Integration der Muslime erstaunlich rasch. Eine Feststellung, die der Basler Regierungspräsident Guy Morin unterstreicht. «Unsere Muslime sind gut integriert und gut akzeptiert.»

Das gilt auch für Alban Emini (21). Jeden Freitag betet der Detailhandelslehrling in der Moschee in Kreuzlingen – und ist dort Mitglied einer Jugendgruppe, die sich unter anderem wöchentlich zum Fussballspielen trifft. «Unser Imam ist sehr fortschrittlich und offen», sagt Emini. «Er macht viel für die Jugendlichen.» Gut die Hälfte der 240 Moscheen im Land hat eine solche Jugendgruppe. Untersucht hat sie der Islamwissenschafter Tunger-Zanetti. «Die Jungen lernen dort, Meinungsvielfalt auszuhalten, da zum Beispiel nie alle dieselbe Auffassung zum Koran haben werden», sagt er. Tunger-Zanetti fand bei seinen Forschungen bisher keine Gruppe, die radikale Auffassungen pflegte.

Doch es gibt sie. Sichtbar werden sie meist im Streit um Alltagsfragen wie Dispensationen vom Schwimmunterricht und Kleidervorschriften. «Es sind Reibungen, die von den Konvertiten des Islamischen Zentralrats benutzt werden, um labile Jugendliche zu beeindrucken», sagt Thomas Kessler – Jugendliche, deren Eltern selber oft areligiös seien.

Anfällig für radikale Aufwiegler sind vor allem junge Leute, die fast die Hälfte der Schweizer Muslime unter 25 Jahren ausmachen. Das wissen auch die Imame und Verbände. Sie werden sich künftig vermehrt um Jugendliche bemühen müssen. Und sie dürfen sich nicht immer erst dann von extremistischen Positionen distanzieren, wenn irgendwo ein Terroranschlag passiert, sondern müssen auch extremistischen Strömungen in ihrem Einflussbereich von Anfang an den Kampf ansagen.

Bereits getan hat das Imam Rehan Neziri in Kreuzlingen. Ende dieses Monats hatten sich radikale Prediger für einen Auftritt in einer Halle im Ort angekündigt. Doch Neziri intervenierte. Der Anlass ist abgesagt.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper