Auf dem Sechseläutenplatz in Zürich lag am Freitagmorgen ein riesiger Haufen Schnee. Die Tourismusverantwortlichen von Davos hatten ihn in einer Nacht-und-NebelAktion mitten ins Zentrum von Zürich gekarrt, um bei frühlingshaften Temperaturen von 12 Grad darauf aufmerksam zu machen, dass in Davos genügend Schnee zum Skifahren liegt.

Die Aktion ist symptomatisch: In den Bergorten ist die Verzweiflung gross. Sie befürchten einen Einbruch, weil im Unterland keine Winterstimmung aufkommen will. «Das Sein bestimmt das Bewusstsein», sagt Edith Zweifel von Zermatt Tourismus. Oder volkstümlicher ausgedrückt: Wenn es unten grün ist, können sich viele nicht vorstellen, dass es oben weiss ist.

Zwischen den Skigebieten ist jetzt deshalb ein Kampf um die Gäste entbrannt. Zehn Wintersportorte werben seit dieser Woche mit der Website www.wirhabenschnee.ch. Die Botschaft: Die Pistenverhältnisse sind gut, in den Bergen ist Winter. «Vielen Unterländern ist gar nicht bewusst, dass es bei uns weiss ist. Sogar die Tannen sind verschneit», sagt Pascal Jenny, Kurdirektor von Arosa, der die Aktion ins Leben gerufen hat. Bei dieser dürfen nur Gebiete mitmachen, in denen mehr als 60 Prozent der Skianlagen offen sind. «Wir wollen neben all den negativen Berichten über die Schneeverhältnisse in den Bergen unseren Gästen die Vorfreude nicht nehmen», sagt Berno Stoffel, Chef der Bergbahnen von Grächen. Die Verhältnisse im südlichen Wallis seien hervorragend. Acht von neun Liften sind offen, obwohl dieses Jahr rund 50 Prozent weniger Schnee liegt.

Aber auch einige der höher gelegenen Skigebiete können nicht alle Lifte laufen lassen. «Dieses Jahr ist die Schneehöhe vor allem in den mittleren und oberen Skiregionen unterdurchschnittlich tief», sagt Stephan Bader, Klimatologe von Meteo Schweiz. So liegen verbreitet nur zwischen 30 und 60 Prozent der normalen Schneemengen.

In Arosa läuft aktuell die Hälfte der Anlagen. «Ziel ist es aber – mit Unterstützung der sich ankündigenden kälteren Temperaturen –, bis an Weihnachten 80 bis 90 Prozent der Pisten zu öffnen», sagt Pascal Jenny. Auch er muss zugeben, dass die Verhältnisse nicht «ganz so gut» sind wie in den vergangenen Jahren.

Das Geschäft zwischen Weihnachten und Neujahr ist für die Bergbahnen entscheidend. Bis zu 20 Prozent des Umsatzes erwirtschaften sie dann. Hinzu kommt: Sind die Skigäste über die Festtage zufrieden, buchen sie meist nochmals ein paar Tage im Laufe des Winters.

Besonders hart trifft es derzeit Skigebiete in den tieferen Lagen. So ist auf dem Hoch-Ybrig im Kanton Schwyz keine einzige der zwölf Anlagen in Betrieb. Ab dem 24. Dezember fahren eine Sessel- und eine Luftseilbahn – aber ausschliesslich für Fussgänger. «Sobald wir die Pisten eröffnen können, informieren wir Sie gerne», heisst es auf der Website. In Elm, dem Dorf der Skirennlegende Vreni Schneider, sind die Pisten ebenfalls geschlossen. «Es hat zu wenig geschneit und war deutlich zu warm, sodass wir nicht beschneien konnten», sagt Sportbahnendirektor Bruno Landolt. So bringt die Gondelbahn lediglich Spaziergänger in die Höhe, aber keine Ski- und Snowboardfahrer.

Dass die höher gelegenen Skigebiete nun Werbung auf Kosten der «grünen Skigebiete» schalten, stört Landolt nicht. «Das Wichtigste ist, den Unterländern aufzuzeigen, dass es in den Bergen auch dann gute Pistenverhältnisse gibt, wenn es im Flachland fast schon frühlingshaft ist.» Landolt sieht das als eine der grössten künftigen Herausforderungen für die Bergbahnen. Schon in der vergangenen Saison konnten sich viele Unterländer trotz besten Schneeverhältnissen nicht vorstellen, dass oben perfektes Skiwetter war – und blieben deshalb aus.

Zu den Profiteuren gehören dieses Jahr die hoch gelegenen Skigebiete. In Zermatt sind die Hotels über die Festtage gut gebucht. Zermatt Tourismus rechnet mit einem Plus von 5 Prozent bei den Hotelübernachtungen. St. Moritz ist ebenfalls gut belegt und vermeldete am Freitag sogar einen Vorweihnachtsrekord an Skifahrern. Ebenfalls zufrieden sind die Jungfrau-Region, Davos und Gstaad, obwohl dort nur die Hälfte der Bergbahnen offen ist.

Ein Alarmzeichen ist, dass in diesem Winter selbst die nobelsten Häuser nicht ausgebucht sind. Im Grand Hotel Kempinski in St. Moritz etwa sind über Weihnachten noch vereinzelte Zimmer frei. Im benachbarten Suvretta House sind in der ersten Januarwoche und fast im ganzen Januar noch etliche Zimmer zu haben. Im Steigenberger Belvédère in Davos sind über Weihnachten und Neujahr noch viele Zimmer frei. Es gibt sogar einen Rabatt von 25 Prozent – mitten in der Hochsaison.

Durchzogen ist das Geschäft auch bei den Reka-Dörfern. Über Weihnachten sind die Ferienhäuser nur zu rund 85 Prozent ausgelastet. Dies hänge vor allem damit zusammen, dass es für die Weihnachtswoche wegen des wenigen Schnees keine kurzfristigen Buchungen mehr gab, sagt Direktor Roger Seifritz. Immerhin: In der Neujahrswoche sind die Reka-Häuser restlos ausgebucht. Die Wintergebiete starten nun Alternativprogramme zum Skifahren. Die Jungfrau-Region beispielsweise will die Gäste ins neue Schlittschuherlebnis «Ice Magic» in Interlaken locken. Und sie rührt die Werbetrommel für die Schlittelbahn auf der Passstrasse zur Grossen Scheidegg. Arosa hat nach dem Humorfestival auch noch ein Filmfestival ins Leben gerufen. Gstaad Saanenland Tourismus hat am Freitag an einer Krisensitzung mit den Anbietern der Destination besprochen, was sie ihren Gästen als zusätzliche Unterhaltung zum bestehenden Angebot bieten können.

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