Tausende Maturanden beginnen nach dem Sommer ein Studium. Für manche dürften sich dabei Möglichkeiten bieten, die ihre Vorgänger nicht hatten. Denn die Schweizer Universitäten planen, die erste Phase des Studiums – den Bachelor – neu auszurichten. Künftig sollen Studenten nach dem Bachelor mehrere Master zur Auswahl haben, nicht nur ein paar wenige.

Die Universität Zürich nennt den Prozess intern «Bologna 2.0». Mit diesem Namen gibt Rektor Michael Hengartner den Hochschulangestellten die Richtung vor: Moderner und vor allem eigenständiger soll der Bachelor-Abschluss dereinst sein. «Zurzeit ist er oft nur eine reine Vorstufe zum Master», sagt Hengartner und drückt sich damit vorsichtig aus. Andere Rektoren bezeichnen den Studiengang als eine «glorifizierte Zwischenprüfung» – mehr sei es nicht, ein Abschluss schon gar nicht.

Die Konferenz der Schweizer Unirektoren (Crus) hat deshalb vor einigen Tagen ein Positionspapier zur Lehre verabschiedet – es ist das erste seit mehreren Jahren. Als «zu stark spezialisiert» und «oft überreguliert» bezeichnen die Rektoren darin den Bachelor. Die Folge ist ein zu enges Fachwissen der Studenten, das einen Wechsel zwischen den Fachrichtungen erschwert.

Die Unirektoren wollen den neuen Bachelor möglichst breit konzipieren und so den Absolventen vielfältige Perspektiven bieten. Das gilt vor allem innerhalb der Disziplinen. Der Bachelor ist dann Basis für mehrere Studiengänge auf der Master-Stufe. Wer beispielsweise den Biologie-Bachelor macht, soll künftig auch in Bereichen wie der Biochemie, Pflanzenbiologie oder Neurowissenschaften einen Master machen können.

«Mit der Bologna-Reform wurden viele Liz-Studiengänge künstlich halbiert», sagt Antonio Loprieno, Präsident der Crus. «Danach hiess es, der erste Teil zählt als Bachelor, der zweite als Master.» Doch das sei nicht die Idee der Reform gewesen, sagt er. Vielmehr hätten sich zwei in sich geschlossene Studiengänge ergeben sollen. Das ist jedoch – besonders in den Geistes- und Sozialwissenschaften – oft nicht passiert.

Der neue Bachelor dürfte auch im Berufsleben Vorteile bringen. Bisher hätte sich einzig der Bachelor für Ökonomie im Arbeitsmarkt etabliert, sagt Loprieno. Nirgends steigen mehr Studenten vor dem Master aus dem Studium als bei den Wirtschaftswissenschaften. Wer Jura studiert, macht hingegen fast immer einen Masterabschluss.

Die Aufwertung des Bachelors zu einem eigenständigen Abschluss birgt aber auch Gefahren. «Der Master darf nicht zum Luxus-Studiengang werden», sagt Ayse Turcan vom Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS). Er müsse die Regel bleiben. Ansonsten könnten beispielsweise Stipendien künftig nur noch für einen Bachelor gesprochen werden, mit dem Argument, dass ein Master ohnehin nicht nötig sei. Auf solche Nebeneffekte gelte es zu achten, sagt Turcan. Der VSS begrüsst aber eine grössere Auswahl beim Master.

Mit dem Ende des Lizenziats wird die Reform noch bedeutender. Bis Ende Oktober müssen Studenten der Universität Zürich ihre Lizenziats-Arbeit abgegeben haben. Ein Countdown im Netz zählt die Tage bis zu allerletzten Prüfung im März 2015. Schon heute sind nur noch 3000 der 140 000 Studenten im alten System. Danach soll das Bologna-System für alle gelten – mit dem neuen Bachelor.

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