Einst beriet sie US-Präsident George W. Bush, heute unterrichtet Condoleezza Rice Studenten an der Elite-Universität Stanford – und verdient gut daran. Die ehemalige Aussenministerin und heutige Wirtschaftsprofessorin bezieht ein Gehalt, von dem Schweizer Professoren nur träumen können. Stanfords Rektor John Etchemendy sitzt in seinem Büro und lächelt, wenn er über seine prominente Angestellte spricht. «Condi ist nicht unsere bestbezahlte Professorin» sagt er, «aber sie hat sicherlich einen ganz netten Lohn.»

Deutlich über eine Million Franken im Jahr zahlt Stanford seinen Spitzenforschern. Zu den Topverdienern gehören Mediziner, insbesondere Herzchirurgen, und Wirtschaftsprofessoren wie Rice. Hierzulande ist das anders. Die Löhne sind an den Hochschulen gedeckelt. Der Maximallohn beträgt in Genf 222 000 Franken, in Zürich 243 000 und an den beiden ETH 277 000 Franken. Das Schweizer System ist für Etchemendy unbegreiflich. «Das ist doch verrückt», sagt er. «Wir werben ständig die besten Leute von anderen Universitäten ab.» Ein höherer Lohn sei oft ein gutes Argument. «Wo bleibt bei euch der Wettbewerb? Es gib keinen, das ist ein grosser Fehler.»

Dabei zählt die ETH Zürich gemäss internationalen Rankings zu den zehn besten Hochschulen der Welt. Gehälter wie an der privaten Universität Stanford sind in der Schweiz dennoch undenkbar. Aber wie lange noch? «Wenn wir weiterhin in der Top-Liga spielen wollen, brauchen wir eine Sonderreglung bei den Löhnen», sagt Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich und Präsident der Schweizer Hochschulen. Das Gehaltgefüge dürfe nicht aus den Fugen geraten, aber bei sehr begehrten Forschern müssten Ausnahmen möglich sein.

Deutsche holen auf
Insbesondere bei den Wirtschaftswissenschaften gebe es mittlerweile einige Hochschulen im Ausland, die Professoren bis zu 500 000 Franken bieten, sagt Hengartner. Dabei handelt es sich nicht nur um amerikanische Elite-Unis. Auch deutsche Hochschulen, die in den Rankings deutlich hinter den Schweizern liegen, ködern Forscher mit Spitzenlöhnen. Möglich macht das eine solche Ausnahme-Klausel. Hierzulande gibt lediglich die ETH an, in speziellen Fällen das Gehalt auf 318 000 Franken erhöhen zu können.

Die Lohnfrage ist nur der vorläufige Höhepunkt einer längeren Entwicklung. Die Universitäten stehen in einem härter werdenden, internationalen Konkurrenzkampf. Nicht nur zwischen den Hochschulen. Technologiefirmen wie Google jagen Topforscher und locken mit vielen Freiheiten und einer Menge Geld. Auch deshalb pochen die hiesigen Hochschulen auf einer Lösung mit der EU und dem damit verbundenen Verbleib im Förderprogramm Horizon 2020. Wer international bestehen will, muss viel Geld erhalten, um Forscher bezahlen zu können. Wie wichtig Wissenschaft für den Standort Schweiz ist, hebt auch der grösste Schweizer Wirtschaftsdachverband hervor. «Forschung und Innovation sind ein zentraler Erfolgsfaktor», sagt Michael Wiesner von Economiesuisse. Nicht umsonst halte die Schweiz seit Jahren den Titel des «Innovationsweltmeisters».

Für Anita Fetz (SP/BS), Präsidentin der eidgenössischen Finanzdelegation, ist es dennoch der falsche Zeitpunkt, um über höhere Löhne für Professoren zu diskutieren. Erst kürzlich beriet das Parlament über Sparprogramme für Bildung und Forschung. Die Schweizer Universitäten seien dank ihrer Infrastruktur und Innovationskraft attraktiv für Wissenschafter aus aller Welt, sagt sie. Die Schweizer Löhne zählten international bereits zu den besten. Zudem sei das angelsächsische System nicht mit unserem zu vergleichen, weil die Professoren-Gehälter hierzulande grösstenteils aus der öffentlichen Hand bezahlt werden.

Forscher nicht abstrafen
Ohnehin bessern Professoren ihre Gehälter mit Nebenämtern auf. Ein Sitz im Verwaltungsrat einer börsenkotierten Firma wirft schnell ein fünf- oder sechsstelliges Honorar ab. Die Finanzdelegation hat in den vergangenen Monaten dafür gesorgt, dass die Hochschulen die Tätigkeiten öffentlich ausweisen. Für Patrick Aebischer, Präsident der ETH Lausanne, ist allerdings nicht die Transparenz oder der reguläre Lohn das Problem. Er fürchtet, dass Professoren künftig einen Teil ihres Gehalts aus den Nebenämtern abgeben müssen. «Der Trend geht doch bereits in diese Richtung», warnt Aebischer. Er selbst gebe bereits einen Grossteil seiner Einnahmen als Nestlé-Verwaltungsrat ab. Das dürfe den Professoren nicht passieren. «Wir sollten Forscher ermutigen, ihr Wissen in die Unternehmen und die Gesellschaft einzubringen, statt sie dafür abzustrafen.» Ansonsten würde der Standort Schweiz enorm leiden.

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