Von Pascal Ritter und Rahel Haag

Sechs Wochen dauerte die Flucht von Hassan K. und Angela M. Sechs Wochen Liebe, sechs Wochen Freiheit, sechs Wochen Krimi für Medienschaffende und Leser. Am Freitag endete die Flucht im siebten Stock eines Hochhauses in Romano Di Lombardia. Eine Autostunde von der Grenze zu Italien entfernt, wo der Fluchtwagen, der BMW des Noch-Ehemannes von M., zum letzten Mal gesehen wurde.

1. Akt: Der grosse Coup
Als der Wärterkollege von Angela M. im Gefängnis Limmattal in Dietikon am Morgen des 9. Februar aufwachte, war sie mit dem Sexualstraftäter K. längst verschwunden. Auf Überwachungsvideos oder durch anderen Indizien musste sofort klar geworden sein, dass M. freiwillig handelte.

Nur so lässt sich erklären, dass auch sie von der Zürcher Kantonspolizei sofort zur Fahndung ausgeschrieben wurde. Später sollte M. vor laufender Kamera sagen: «Er ist die Liebe meines Lebens.» Die beiden narrten den Strafvollzug im Kanton Zürich. Aus einem hochmodernen Gefängnis spazierte ein Häftling hinaus, während der eine von zwei Wärtern der Nachtschicht friedlich schlief. Die Flucht erfolgte entweder spontan oder war schlecht geplant. Jedenfalls hob M. auf der Flucht noch Geld ab und schliesslich sollte den beiden dieses schnell ausgehen.

2. Akt: Bonnie und Clyde
«Echte Blumen blühen in der Wildnis», schrieb M. zwei Wochen vor der Flucht auf Facebook. Es ist ein Zitat aus einem Film, in dem ein Polizist eine Rebellin aus dem Gefängnis befreit. Auch ihre Befreiung des Häftlings K. wurde zur filmreifen Show. Ein Video im späteren Flucht-BMW, ein Bild von K. oben ohne mit Sixpack, M. an ihrer Hochzeit, M. als Thaiboxerin. Bonnie und Clyde aus dem Limmattal.

Täglich publizierten Zeitungen und Newsportale neue Details. Der gehörnte Ehemann berichtete, wie sich seine Frau in letzter Zeit verändert habe. Ihren Plan, Polizistin zu werden, habe sie aufgegeben, wohl um als Wärterin in der Nähe von K. zu bleiben. Sie verliess ihren Mann und zog zur Freundin. Die Zeitungsspalten füllten sich mit Details aus dem Privatleben. Denn Neuigkeiten vom Ausbrecherpaar gab es keine. Bis die entscheidende Schlagzeile kam.

3. Akt: Eitelkeit als Verhängnis
«Ist Angela M. tot?» Diese Frage war der Anfang vom Ende. Ein Psychiater dachte öffentlich darüber nach, ob Sexualstraftäter K. sich der Wärterin entledigt habe. M.’s Stiefvater sagte zur NZZ: «Es wäre einfacher, man würde sie finden, auch wenn sie tot sein sollte.» Der «Blick» fasst die beiden Geschichten zur Todes-Schlagzeile zusammen. Das war zu viel für M. und K. Sie verfolgten genau, was über sie geschrieben wurde. Die Spekulation des «Blick» provozierte sie derart, dass sie unvorsichtig wurden. Sie drehten mehrere Videos und schickten sie der Redaktion der Zeitung «20 Minuten». K. bestreitet die Vergewaltigung, für die er verurteilt worden war und motzt über schlechtes Essen im Knast. M. entschuldigt sich bei ihren Eltern und übt Medienkritik. Sie kritisiert die «rot-weisse Zeitung für die nicht allzu schlauen Schweizer». Wer die verwackelten Aufnahmen sah, fragte sich: Ist das eine Finte oder ein Fehler? Ist es Dummheit oder Schläue? Heute wissen wir: Es war Dummheit.

4. Akt: Die Feuerwehrmänner
Dann ging es schnell. Die italienischen Ermittler erhielten Handydaten aus der Schweiz. Ob sie mit dem Video oder mit dem Versuch von K. zu tun haben, per Telefon Geld für die weitere Flucht aufzutreiben, ist unklar. Fest steht: Die italienischen Ermittler konnten den Bereich, wo sich die beiden Flüchtigen befanden, auf ein kleines Gebiet eingrenzen. Als Feuerwehrmänner verkleidet durchkämmten Polizisten einen Wohnblock. Sie gaben vor, ein Gasleck zu suchen. So fanden sie die Wohnung des flüchtigen Liebespaares. In der Nacht auf Freitag rückten die italienischen Polizisten mit 40 Beamten und Helikopter an, brachen die Tür auf und stürmten die Wohnung. Hassan, der Muskelprotz, ergibt sich. Angela, die Thaiboxerin, wehrt sich und kickt nach den Beamten. Kurt Bill, der Vater von M. wundert sich über die Gegenwehr. «Das ist nicht ihre Art», sagt er gegenüber der «Schweiz am Sonntag». Es nützte ihr nichts. Vier Polizisten überwältigen sie.

5. Akt: Die Heimkehr
Im italienischen Knast warten die beiden nun auf ihre Auslieferung. In der Schweiz droht ihnen unterschiedliches Ungemach. K. hat mit dem Fluchtversuch seine Chance auf Hafterleichterung oder vorzeitige Entlassung verwirkt. Laut dem Zürcher Anwalt Valentin Landmann könnte er zudem wegen Anstiftung verurteilt werden. Die Flucht an sich ist nicht strafbar.

M. droht eine Verurteilung wegen Befreiung eines Gefangenen und Amtsmissbrauch. Dafür blühen ihr bis zu drei Jahre Gefängnis. Da M. noch über keine Vorstrafen verfügt, ist eine bedingte Strafe möglich. Landmann bringt noch einen anderen Pragrafen ins Spiel. «Sollten die beiden schon im Gefängnis Sex gehabt haben, dürfte dies als sexuelle Handlung mit einem Gefangenen taxiert werden.» Dies ist laut Strafgesetzbuch verboten, wenn ein Abhängigkeitsverhältnis ausgenützt wird. Auf jeden Fall dürfte auch M. zunächst einmal in Untersuchungshaft bleiben. Wegen Fluchtgefahr.

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