Aminat E. klagt an: «Die Schweiz ist unmenschlich. Sie haben uns brutal ausgeschafft und uns von unserer kranken Mutter und unserem kranken kleinen Bruder getrennt.» Sie ist ausser sich, als sie sich aus Moskau bei der Berner Menschrechtsorganisation «Solidaritätsnetz» meldet. Die junge Tschetschenin erzählt, wie sie am 28. Februar, zusammen mit ihren beiden Brüdern, nach Moskau ausgeschafft wurde und sendet ein Bild von sich. Darauf sind Verletzungen zu sehen, die sie sich bei der Ausschaffung zugezogen habe.

Ihre Mutter und ihren kleinen Bruder mussten sie am Flughafen Zürich zurücklassen. Beide befinden sich mittlerweile in psychiatrischer Behandlung. Die Mutter in Embrach, der 10-jährige Bub in Meilen. Seit dem 9. Januar lebte die tschetschenische Familie in der Transitzone des Flughafens Zürich, wo Asylsuchende untergebracht werden, die sich im sogenannten Flughafenverfahren befinden. Maximal 60 Tage darf der Bund Flüchtlinge, denen die Einreise zunächst verweigert wurde, dort unterbringen.

Als die drei Geschwister in Moskau ankamen, durften sie auch dort den Flughafen zunächst nicht verlassen. Ob dies eine Schikane der russischen Behörden war oder wegen fehlender Papiere erfolgte, ist unklar. Die bekannte russische Menschenrechtsaktivistin Swetlana Gannushkina beschuldigt die Schweizer Behörden gemäss dem tschetschenischen Portal «Caucasian Knot», die drei Geschwister ohne die üblichen Rückreisedokumente abgeschoben zu haben. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) verzichtete unter Berufung auf Persönlichkeits- und Datenschutz auf eine Stellungnahme. Grundsätzlich müsse die Einheit einer Familie nur bei Minderjährigen gewahrt werden. Die drei ausgeschafften Geschwister sind zwischen 18 und 20 Jahre alt.

Die Kantonspolizei Zürich, welche die nach Angaben der Geschwister «überfallartige» Ausschaffung durchgeführt haben dürfte, sah sich nicht in der Lage, die Vorwürfe am Freitagnachmittag abzuklären. Auch zu den Verletzungen von Aminat E. konnte sie keine Angaben machen. Als die «Schweiz am Sonntag» die in der Schweiz gebliebene Mutter in der Klinik in Embrach treffen wollte, mauerte auch dort das Personal. «Die Patientin darf aus medizinischen Gründen keinen Besuch erhalten», sagt der Sicherheitsverantwortliche Martin Leuenberger. Solidaritätsnetz-Aktivist Matthias Rysler befürchtet, dass sie mit ihrem 10-jährigen Sohn am Montag ebenfalls ausgeschafft wird. Er protestiert: «Beide sind hochgradig suizidal. Der Bub hat seiner Familie einen Abschiedsbrief geschrieben.» Er glaubt, das SEM handle überhastet, weil die 60-Tage-Frist abläuft.

Zurück muss die tschetschenische Familie, weil die Asylbehörde die vorgebrachten Fluchtgründe für unglaubwürdig befand. Die Mutter hatte argumentiert, der Familienvater gelte in Tschetschenien als Unterstützer der Rebellen und sei entführt worden. Nachdem sie Anzeige erstatt habe, sei auch sie bedroht worden. Das Bundesverwaltungsgericht stützte den negativen Entscheid. Zehn Tage später wurden die drei erwachsenen Kinder ausgeschafft. Fünf Tage nach der Ankunft in Moskau konnten sie den Flughafen Domodedovo verlassen, nachdem Verwandte eine hohe Summe bezahlt hatten.