Der Gastauftritt von Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät im Comedy-Zirkus «Das Zelt» sorgt weiter für Wirbel. Erstmals wird der SP-Politiker für seine humoristische Einlage jetzt von einem Mitglied der Berner Stadtregierung kritisiert. «Alexander Tschäppät ist ein guter Unterhalter. Er hat billige Sprüche und Klischees eigentlich gar nicht nötig», sagt Franziska Teuscher, Direktorin für Bildung, Soziales und Sport im Berner Gemeinderat.

Mitte Dezember hatte sich Tschäppät von der Polit- auf die Comedy-Bühne gewagt und dabei auch umstrittene Italiener-Witze zum Besten gegeben, wie die Zeitung «Der Bund» diese Woche aufdeckte. «Könnt ihr euch das vorstellen? Ein Süditaliener, der zu viel arbeitet?», rief Tschäppät unter Gelächter ins Publikum – und setzte nach: «Wissen Sie, warum Italiener so klein sind? Weil ihnen ihre Mütter sagen: Wenn du mal gross bist, musst du arbeiten gehen!»

Lustig? fremdenfeindlich? Tschäppät habe die «Grenze des Anstands» verletzt, kritisierte zum Beispiel der Bieler SP-Nationalrat Conrado Pardini, sekundiert von der grünen Bieler Alt-Stadträtin Giovanna Massa, die als schweizerisch-italienische Doppelbürgerin Tschäppäts Witze als «diskriminierend und für einen linken Politiker höchst unangebracht» taxiert. Als «schlechten Stil» und «für einen Stadtpräsidenten und erst recht einen Sozialdemokraten nicht haltbar» bezeichnete Alt-SP-Nationalrat Peter Vollmer Tschäppäts Humor. Regierungskollegin Franziska Teuscher verweist ebenfalls auf das politische Amt und spricht von einer «Gratwanderung»: «Tritt man als Comedian auf, ist aber gleichzeitig Stadtpräsident, muss man sich bewusst sein, dass diese Äusserungen auch als Aussagen des Stadtpräsidenten wahrgenommen werden, wenn man auf die Bühne geht und sich zur Schau stellt.»

«Als Stadtpräsident kann er sich solche Witze nicht leisten. Für einen Comedian wären die Pointen wiederum zu schlecht und zu alt», kritisiert auch Autorin Güzin Kar, die mit ihrem Drehbuch für die Komödie «Achtung, fertig, WK!» derzeit einen Kinoerfolg feiert. «Das Dumme ist ja, dass alle sagen, sie seien keine Rassisten. Als ob Rassisten Schwarze braten würden», sagt die Schweizerin mit türkischen Wurzeln, die grundsätzlich findet: «Nur wer der jeweiligen Minderheit angehört, darf diese auch ungehemmt auf die Schippe nehmen.»

Verteidigt wird Tschäppät dagegen von TV-Satiriker Viktor Giacobbo: «Welche Stadt wünscht sich nicht einen witzigen Stadtpräsidenten? In vielen anderen Städten sind ja eher Spassbremsen am Werk.» Tschäppät habe einen «tollen Auftritt» hingelegt, auch wenn einige Witze «vielleicht schon etwas alt waren», sagt Giacobbo, der trotzdem kein Mitleid hat mit SP-Witzbold Tschäppät: «Er ist als Stadtpräsident exponiert und muss aushalten, was Komiker auch aushalten müssen: dass sie für ihren Humor kritisiert werden. Erschwerend kommen bei Tschäppät natürlich die Parteifreunde aus der spiessigen SP hinzu.» Für Giacobbo gilt die Faustregel: «Komiker müssen ihren eigenen Humor am eigenen Geschmack messen. Tschäppät dürfte das wohl auch gemacht haben.»

Die Aufregung um Tschäppäts müde Witzchen wirkt einigermassen übertrieben, betrachtet man das Umfeld, in dem er humoristisch tätig war. Im gleichen Comedy-«Zelt», in dem Tschäppät seinen Gastauftritt gab und das auch 2014 weiter durch die Schweiz tourt – gesponsert von Postfinance und mit SRF als Medienpartner – tritt regelmässig auch Komiker Marco Rima auf. Sein Humor kennt keine Grenze, was aber bisher keinerlei öffentliche Empörung, dafür umso grösseres Gelächter des Publikums auslöste.

«Warum lösen Albaner keine Kreuzworträtsel? Weil sie Angst haben, eine Reise in die Heimat zu gewinnen!», witzelt Rima in seinem Programm. Oder: «Ich habe kein Problem damit, wenn ein Neger Offizier der Schweizer Armee ist – aber er soll sich dann nicht beschweren, wenn ich ihn während einer Nachtübung nicht sehe.» Oder: «Warum haben Frauen eine Hirnzelle mehr als Hühner? Damit sie beim Kochen nicht in die Küche scheissen.»

Güzin Kar, die Rima in ihrer WK-Komödie die Figur von Oberleutnant Reiker auf den Leib schrieb, mag diese Sprüche nicht bewerten, ohne das Programm gesehen zu haben. Für Grünen-Politikerin Teuscher werden mit solchen Witzen definitiv Grenzen überschritten: «Falls Rima den Begriff ‹Neger› verwendet, schockiert mich das. Es ist allgemein bekannt, dass dieser Begriff stark diskriminierend ist. Auch Comedians müssen sich ans Recht halten und zum Beispiel die Anti-Rassismus-Strafnorm beachten.»

René Tanner, Rimas Manager, verteidigt die Sprüche: «Marco hat relativ heikle Nummern und lehnt sich auch aus dem Fenster. Nach den provokativen Passagen zeigt er auf, dass die Leute vielleicht auch über Dinge gelacht haben, die problematisch sind. Wobei die Ironie wohl nicht alle verstehen.» Auch Giacobbo sagt: «Marco Rima wählt in dieser Nummer bewusst unerlaubte Witze, um dem Publikum vor Augen zu führen, über was sie gerade gelacht haben. Ob ihm diese Meta-Ebene gelingt, ist eine andere Frage. Ich würde für ihn aber die Hand ins Feuer legen: Ein Rassist oder Frauenfeind ist er nicht.»

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