Erfolgreiche Exportnationen leben seit dem 20. Januar gefährlich. Die Bedrohung heisst Donald Trump. Der neue US-Präsident sieht in Ländern mit hohen Ausfuhrüberschüssen Abzocker und droht ihnen unverhohlen mit Strafzöllen oder steuerlichen Nachteilen. Zu seinen prominentesten Angriffszielen zählen Mexiko, China, Japan, Deutschland.

Doch auch die Schweiz könnte in Trumps Visier geraten: 2016 verkauften hiesige Firmen Güter im Wert von über 31 Milliarden Franken in die USA. Die Importe aus den Vereinigten Staaten betrugen mit 14 Milliarden Franken weniger als halb so viel. Aus Sicht der Amerikaner entspricht dies einem Handelsbilanzdefizit von 17 Milliarden Franken. Die Frage drängt sich auf: Was ist, wenn Trumps öffentliche Attacken in einen globalen Handelskrieg münden? Wie verletzlich wäre die Schweizer Wirtschaft?

Klagen nur im Verbund
Die Prognose von Manfred Elsig, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Bern, ist klar: «Die Trump-Administration wird nicht vor Druckversuchen auf die Schweiz zurückschrecken, um das Handelsbilanzdefizit zu reduzieren.» Das habe sich vergangene Woche gezeigt, als Donald Trump von Novartis und anderen Pharmakonzernen tiefere Medikamentenpreise und mehr Investitionen in den USA forderte.

Strafzölle sind laut Elsig nur eines von mehreren protektionistischen Mitteln, die Trump zur Verfügung stehen. Zum Beispiel könnten die Amerikaner die Schweiz auch zu freiwilligen Exportbeschränkungen zwingen wie die japanische Autoindustrie in den Achtzigerjahren: Die Asiaten verpflichteten sich 1981, nicht mehr als 1,7 Millionen Autos jährlich zu exportieren. In einem vergleichbaren Fall könnte die Eidgenossenschaft zwar an die Welthandelsorganisation (WTO) gelangen. Einen Alleingang würde sie jedoch laut Elsig kaum wagen; selbst dann nicht, wenn das internationale Handelsrecht offensichtlich auf ihrer Seite stünde. «Dafür ist sie zu klein.» Eine Klage gegen die Amerikaner käme höchstens im Verbund mit anderen Ländern infrage.

Washington-Reise im April
Bundesbern will es gar nicht erst so weit kommen lassen. Aussenpolitikerin und FDP-Nationalrätin Christa Markwalder (BE) kündigt auf Anfrage eine Lobbying-Offensive in Washington an: Die jährlich stattfindende Reise des parlamentarischen Vereins Schweiz - USA Ende April nach Amerika soll im Zeichen von Trumps Handelspolitik stehen.

Die sechs teilnehmenden Parlamentarier werden sich mit Kongressabgeordneten, Think-Tanks, Nichtregierungsorganisationen und Wirtschaftsverbänden treffen. «Bei dieser Gelegenheit werden wir die negativen Folgen von protektionistischen Massnahmen zur Sprache bringen», sagt Markwalder.

Die Situation sei nicht einfach: Als sie bei ihrem letzten Besuch den Sprecher des Repräsentantenhauses, Paul Ryan, auf Trumps protektionistische Äusserungen im Wahlkampf ansprach, habe sich dieser noch klar für Freihandel ausgesprochen. «Nun befindet er sich in der Zwickmühle zwischen dem Präsidenten und den Pro-Trade-Verfechtern seiner Partei.»

Uni-Bern-Professor Elsig hält die Lobbying-Offensive für sinnvoll: «Für die Umsetzung seiner Dekrete ist Trump auf den Kongress angewiesen», sagt er. Hier lohnten sich gezielte Gespräche.

Schwieriger gestalten sich Kontakte auf Regierungsebene. Viele zentrale Posten in der TrumpAdministration sind noch nicht besetzt. Die letzten Treffen von Schweizer Regierungsvertretern mit amerikanischen Amtskollegen im vergangenen Herbst sind laut gut informierten Kreisen zwar positiv verlaufen.

Aber noch ist unklar, ob die damaligen Ansprechpartner nach dem Regierungswechsel von Obama zu Trump noch dabei sind. Im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) herrscht die Hoffnung, dass sich Donald Trump letztlich den Realitäten des Welthandels beugen muss. Der Preis für protektionistische Sololäufe sei schlicht zu gross.

Kritisch ab 20 Milliarden
Unangenehm könnte es für die Schweiz trotzdem werden. Das US-Finanzministerium platzierte das Land schon vor der Wahl Trumps auf einer Beobachtungsliste von Staaten, die im Verdacht stehen, mit Währungsmanipulationen die eigenen Exporte zu fördern, darunter auch China, Japan, Korea, Deutschland und Taiwan.

Sollte der Ausfuhrüberschuss der Schweiz im Handel mit den USA in den nächsten Jahren die Grenze von 20 Milliarden US-Dollar überschreiten, würde «die US-Administration gewisse Konsequenzen ins Auge fassen», heisst es beim Seco. Wie die Retorsionsmassnahmen aussähen, ist völlig offen. «Da bisher noch kein Land alle Kriterien erfüllt hat, fehlen Erfahrungswerte, wie die USA reagieren würden.»

Die Schweizer Chemie- und Pharmabranche wäre im Fall eines Handelskriegs gemäss Schweizer Zollstatistik besonders exponiert. Unternehmen wie Roche, Lonza oder Ems-Chemie sind für mehr als die Hälfte aller Schweizer US-Exporte und für drei Viertel des Handelsbilanzüberschusses verantwortlich. Die Branche zeigt sich besorgt, aber selbstbewusst. Der bekannte Pharmaexperte Thomas Cueni sagt: «Sowohl Novartis als auch Roche haben in den USA zahlreiche Produktionsstätten und deutlich mehr Arbeitsplätze als in der Schweiz.» Eine Abschottungspolitik und Importzölle hält er trotz Trump für unwahrscheinlich. Bei vielen aus dem Ausland importierten Medikamenten handle es sich um Generika aus Indien oder China; hier seien die Amerikaner an tiefen Preisen interessiert. Medikamente grundsätzlich immer lokal zu produzieren, wäre laut Cueni «enorm ineffizient».

Ähnlich äussert sich Marcel Sennhauser, Geschäftsleitungsmitglied bei Scienceindustries, dem Wirtschaftsverband der Chemie-, Pharma- und Biotech-Unternehmen: Privatrechtliche Verträge und handelspolitische Abkommen würden weiterhin gelten, sagt er. Auch unter Präsident Donald Trump. «Nicht alles dürfte so heiss gegessen werden, wie es im Weissen Haus gekocht wird.»

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