VON NADJA PASTEGA

Es geschah am 10. Juni 2008. Bei einem Routinerundgang fand ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der Strafanstalt Schöngrün um 6.30 Uhr einen Häftling in seiner Zelle, leblos neben dem Bett liegend. Die gerichtsmedizinische Untersuchung ergab: Tod infolge einer «massiven Dosis Heroin».

Die Todesdosis hatte ein Mitinsasse im Ausgang beschafft. Zunächst deponierte er sie in der Aussenstation Bleichenberg. Von dort wurden die Drogen anschliessend in die Strafanstalt geschmuggelt. «Der Todesfall zeigt, dass Gassenheroin in die Strafanstalt Schöngrün hineingekommen ist», hält der Untersuchungsbericht fest. Die nach dem Tod des Häftlings eingeleitete Suche nach dem «Drogendepot» blieb erfolglos.

Der bisher nicht publik gewordene Fall zeigt: Im Skandalknast Schöngrün herrschte ein systematisches Sicherheitsdefizit. Drogen konnten ungehindert in die Strafanstalt gelangen. Und auf Alarmzeichen reagierte niemand – bis ein Häftling im Drogenrausch starb.

Warnhinweise gab es viele. Mehrere Mitarbeiter wiesen wiederholt auf den schlechten Gesundheitszustand des Häftlings hin. Ein Arzt untersuchte den Häftling und erklärte ihn für weiterhin haftfähig. Die nachträgliche Befragung des Bereichsleiters Strafvollzug ergibt ein anderes Bild. Dieser gab an, der Häftling habe «vor sich hinvegetiert».

Es ist nicht der erste Skandal in der Strafanstalt Schöngrün. Bekannt geworden ist der «Lotterknast» im März 2009. Damals flog auf, dass ein Insasse seine Tochter in die Aussenstation Bleichenberg eingeschmuggelt hatte. Dort vergingen sich Mitinsassen mehrfach an der Minderjährigen. Eine Administrativuntersuchung wurde eröffnet. Der 100-seitige Untersuchungsbericht dokumentiert das Führungsversagen von Anstaltsdirektor Peter Fäh. Fazit: In Schöngrün herrschte jahrelang das blanke Chaos, Drogen gelangten ungehindert in den Knast, defekte Überwachungskameras wurden tagelang nicht repariert, und «kooperative» Mitarbeiter halfen tatkräftig mit, damit Insassen die Anstalt nach Belieben verlassen konnten.

Im Herbst 2007 gab ein Schöngrün-Mitarbeiter seinen Passepartout den Insassen der Aussenstation Bleichenberg. Damit konnten sie die Station nachts verlassen. Ende Dezember 2007 händigte er einen Schlüssel einem anderen Bleichenberg-Insassen aus, damit dieser seine Frau sowie die Gattin eines Mithäftlings während der Nacht im Bleichenberg beherbergen konnte. Beide Frauen übernachteten in der Aussenstation.

Der handwerklich begabte Schöngrün-Mitarbeiter half zudem zwei Insassen, bei einer Verbindungstür den Schliesszylinder auszubauen und einen von den beiden Insassen manipulierten Zylinder einzubauen. Danach konnte die Waschküchentür mit den Zellenschlüsseln der Insassen geöffnet werden.

Geschlampt wurde zudem bei Kontrollen. Ende Februar und Anfang März 2009, als die minderjährige Tochter eines damaligen Insassen drei Nächte lang im Bleichenberg übernachtete, wurde die Station wiederholt kontrolliert. Im Journal wurde festgehalten, dass alles «i. O.» sei. Die Tochter erzählt anschliessend, lediglich um 21.30 Uhr und um 4 Uhr würden Kontrollgänge stattfinden, im Übrigen sei man «ungestört».

Der Todesfall eines Häftlings durch eine Dosis Gassenheroin reiht sich in diese Chronik des Versagens ein. Die Untersuchungskommission stiess zufällig auf den Vorfall: Mitarbeiter erzählten in Gesprächen davon. Wie aus Kreisen der Untersuchungskommission verlautet, herrscht nach wie vor Unklarheit über die Todesursache. Es sei ungeklärt, ob der Häftling an einer Überdosis oder «durch Vernachlässigung» starb.

Weder Anstaltsleiter Peter Fäh noch das Sicherheitsdepartement von SP-Regierungsrat Peter Gomm sahen sich bisher veranlasst, die Todesursache zu untersuchen. «Im konkreten Fall wurden die Polizei und die Staatsanwaltschaft beigezogen», sagt Rudolf Tschachtli, Chef des kantonalen Amts für öffentliche Sicherheit. Die Anstalt sei nur «in allgemeiner Form» über das Untersuchungsergebnis informiert worden, wonach keine Fremdeinwirkung vorgelegen habe und Drogen im Spiel gewesen seien. Für Anstaltsleiter Fäh haben die Vorfälle milde Konsequenzen: Er wird in die Justizverwaltung wegbefördert.

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