Auf der Kommode in der Stube brennt eine Kerze mit dem Namen Alina. «Ich denke jeden Tag an sie», sagt Yvonne (46) aus Arbon TG und fügt an: «Ich stelle mir vor, wie sie heute aussehen würde und was für einen Charakter sie hätte.» Alina wäre heute 14 Jahre alt. Doch sie hat das Licht der Welt nie erblickt. Das Mädchen ist in der 24. Schwangerschaftswoche noch im Bauch von Yvonne gestorben. Sie brachte ihr erstes Kind tot zur Welt.

Yvonne* ist eine der wenigen Frauen, die über ihre Totgeburt sprechen. Dabei erleiden dieses Schicksal jedes Jahr mehrere hundert Frauen. Neuste Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen: Vergangenes Jahr kamen 350 Kinder in der Schweiz tot zur Welt – also ein Kind pro 200 Geburten. Seit vier Jahren nehmen die Fälle sogar leicht zu.

Grund dafür ist vor allem das steigende Alter von werdenden Müttern. «Frauen mit einem hohen Fehlgeburts-Risiko werden zunehmend schwanger und entsprechend erhöht ist dadurch das Risiko einer Totgeburt», sagt Monya Todesco, Chefärztin Geburtshilfe und Perinatalmedizin im Kantonsspital Aarau.

Engelskinder, wie die Fehl- und Totgeburten auch heissen, werden in der Gesellschaft häufig verdrängt. Und dies, obwohl Totgeburten zehnmal häufiger vorkommen als der plötzliche Kindstod. «Viele Paare und auch Angehörige gehen heute davon aus, dass eine Schwangerschaft gut verläuft. Umso grösser ist dann der Schock, wenn ein Kind stirbt», sagt Franziska Maurer. Sie leitet die Schweizer Fachstelle Fehlgeburt und perinataler Kindstod in Bern.

So war es auch für Yvonne. Bis zum vierten Monat verläuft alles gut. Dann stellen die Ärzte bei einem Ultraschall-Untersuch bei Alina einen schweren Herzfehler fest. Die schockierende Nachricht: Das kleine Mädchen wird es nicht schaffen. In der 24. Woche sind keine Herztöne mehr zu hören. Die Ärzte empfehlen Yvonne, ihre Tochter natürlich zu gebären. «Ich war unsicher. Warum sollte ich mir die Schmerzen noch antun?»

Mit ihrem Mann an der Seite nimmt Yvonne die Strapazen auf sich. Nach sechs Stunden ist Alina geboren. «Sie war so schön. Sie hat ausgesehen, als würde sie schlafen. Ich nahm sie in meine Arme und habe mir ihr Gesicht eingeprägt.» Der Spitalpfarrer tauft das kleine Mädchen auf den Namen Alina. Am Abend legen Yvonne und ihr Mann Alina in einen kleinen Sarg.

Yvonne ist froh, dass sie Alina gebären und danach so lange, wie sie mochte, in den Armen halten konnte. Bis vor wenigen Jahren war der Umgang mit Fehlgeburten herzlos. Spitäler behandelten die verstorbenen Frühchen als Humanabfall. Die mit der Situation vollständig überforderten Eltern waren sich selber überlassen. Doch die Ärzte und das Pflegepersonal haben dazugelernt.

Die rechtlichen Folgen sind aber noch immer kaum verständlich. Stirbt ein Kind nach der 22. Schwangerschaftswoche oder wiegt es beim Zeitpunkt des Todes mindestens 500 Gramm, gilt es als Totgeburt. Diese wird im Zivilstandsregister beurkundet, die Eltern können dem Kind einen Namen geben und haben Anrecht auf eine Bestattung. Stirbt das Kind indes früher oder ist es leichter, spricht man von einer Fehlgeburt. Ein solches Engelskind hat gesetzlich nie existiert und wird auch nicht registriert. Etwa 15 Prozent aller Schwangerschaften enden mit einer Fehlgeburt. Laut Franziska Maurer sind es landesweit pro Jahr mehr als 20 000 Fehlgeburten.

Erst ein paar Gemeinden, wie beispielsweise der Friedhof Nordheim in Zürich, bieten spezielle Gemeinschaftsgräber für die Kleinsten an.

Das soll sich ändern: Der Bundesrat will Änderungen bezüglich Bestattungsmöglichkeiten prüfen. Auf eine Interpellation der Zürcher BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti schreibt er: «Der Bundesrat hat die Möglichkeit, (...) die ärztliche Meldepflicht und damit die Eintragungen im Zivilstandsregister auszudehnen (...).»

Heute ist Yvonne Mutter von zwei Buben (9 und 12). Wenn sie gefragt wird, wie viele Kinder sie habe, sagt sie drei. Als Leiterin einer Selbsthilfegruppe unterstützt sie nun andere Frauen. Aus ihrer Erfahrung weiss Yvonne: «Für die Gesellschaft muss man nach zwei bis drei Monaten wieder funktionieren. Aber der Schmerz ist riesig. Es hat mir gutgetan, mit Frauen zu sprechen, die wussten, was ich durchgemacht hatte.»

Das erlebt auch Franziska Maurer bei ihrer Arbeit in der Fachstelle. «Es ist wichtig, dass die Eltern mit dem Erlebten nicht isoliert bleiben», sagt sie. Anteilnahme von Freunden und Familie helfe, mit dem Schicksal weiterleben zu können. Doch oft ist das Umfeld überfordert und reagiert mit Sätzen wie: Besser, dass es so früh passierte. Oder ihr könnt ja bald wieder schwanger werden. «Eltern hilft es, wenn sie als Eltern ihres verstorbenen Kindes respektiert und nicht auf ein nächstes Kind vertröstet werden», sagt Maurer.

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