Vor einem Monat schaffte die Schweiz erstmals eine Tibeterin nach Nepal aus. Nach ihrer Ausschaffung wurde Yangdon Chorasherpa noch am Flughafen von Kathmandu verhaftet. Der «Tages-Anzeiger» machte den Fall am Donnerstag publik. Tibet-Organisationen befürchten, dass sie zurück nach China abgeschoben wird, von wo aus sie 2014 in die Schweiz geflohen war.

Im Gefängnis wird die 27-Jährige regelmässig von einem Schweizer mit tibetischen Wurzeln (Name der Redaktion bekannt) besucht. «Sie leidet sehr unter der Situation», sagt er der «Schweiz am Sonntag». «Sie weiss nicht, wie es weitergeht, und fürchtet sich vor einer Abschiebung nach China.» Auch gesundheitlich gehe es ihr nicht gut: «Sie ist mehrmals zusammengebrochen und musste zwischenzeitlich ins Spital eingeliefert werden.» Im Gefängnis müsse sie für grundlegende Dinge wie Essen oder WC-Papier bezahlen: «Ich habe ihr deshalb Bargeld mitgebracht.» Kürzlich sei sie von einem Mitarbeiter der Schweizer Botschaft besucht worden. «Dieser erkundigte sich nach ihrem Befinden und liess seine Kontaktdaten da», sagt der Schweizer.

«Das darf nicht sein»
Tiana Angelina Moser, Nationalrätin der Grünliberalen und Co-Präsidentin der parlamentarischen Gruppe Tibet, kritisiert die Schweizer Behörden für die Ausschaffung der Tibeterin nach Nepal: «Es darf sicher nicht sein, dass eine Person sofort nach der Ankunft in einem vermeintlich sicheren Drittstaat verhaftet wird.» Eine Ausschaffung nach China wäre verheerend, so Moser. Die Schweiz müsse menschenrechtliche Grundsätze hochalten. Sie erwarte von den Behörden, dass sie sicherstellten, dass sich ein solcher Fall nicht wiederhole, so die Nationalrätin.

Laut dem Staatssekretariat für Migration (SEM) hat Chorasherpa unterschiedliche Angaben zu ihrer Herkunft gemacht. Noch ist aber vieles unklar. Offenbar reiste die Tibeterin mit einem falschen nepalesischen Pass in die Schweiz ein. Nach Angaben des Vereins Tibeter-Jugend in Europa hatte sie dies den Schweizer Behörden offengelegt. Das SEM sagt, sie habe ein echtes, «ihr aber nicht zustehendes» Reisedokument verwendet. Zur Frage, ob man bereits zum Zeitpunkt der Ausschaffung wusste, dass es sich um falsche Papiere handle, wollte das SEM nichts sagen.

Das SEM dürfte schliesslich die Aussagen der Tibeterin, wonach sie mit falschen Papieren reise, als unglaubwürdig eingestuft haben. Weil die Behörden aber den Reisepass der Tibeterin als starkes Indiz für eine nepalesische Herkunft deuteten, wurde die Tibeterin in ihr vermeintliches Heimatland Nepal ausgeschafft. Laut einem Sprecher steht das SEM mit den nepalesischen Behörden, der Schweizer Vertretung und mit dem Rechtsvertreter der Tibeterin in Kontakt.

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