Von Peter Burkhardt, Alan Cassidy, Othmar von Matt und Patrik Müller

Haben Sie gewusst, dass das Tessin einen Regierungspräsidenten hat, der blind ist? Sässe Manuele Bertoli in der Regierung eines Deutschschweizer Kantons, wäre er im ganzen Land ein Medienstar: der erste blinde Regierungschef! Doch der Sozialdemokrat ist Tessiner, und als wir ihn in seinem Haus in Losone besuchen, merken wir schnell, dass er kaum Deutsch spricht. Er gilt als stark Italien-orientiert, so wie viele Tessiner: Sie interessieren sich mehr für Mailand als für Zürich oder Bern.

Das Tessin ist mit seinen rund 350 000 Einwohnern der achtgrösste Kanton. Italienischsprachig sind auch die Bündner Regionen Bergell, Calancatal, Misox und Puschlav sowie die Ortschaft Bivio. Die italienische Schweiz macht nur 5 Prozent unserer Bevölkerung aus. Das Verhältnis zum grossen Italien mit seinen über 60 Millionen Einwohnern, davon 15 Millionen im nahen Wirtschaftsgebiet um Mailand, ist wirtschaftlich äusserst wichtig. Und zugleich politisch ambivalent.

Während SP-Regierungspräsident Bertoli sagt, der «Wirtschaftsmotor Norditalien» sei für die künftige Prosperität des Tessins entscheidend, findet sein CVP-Regierungskollege Paolo Beltraminelli: «Unsere politische Zukunft hat wenig mit Italien zu tun.» Wirtschaftlich sei Italien zwar von Bedeutung. Deren Firmen würden für Arbeitsplätze und Steuereinnahmen sorgen. Aber: «Wir leben in zwei verschiedenen Welten», sagt Beltraminelli. Ähnlich denken die drei übrigen Regierungsräte: Norman Gobbi und Claudio Zali von der Lega dei Ticinesi und Laura Sadis von der FDP.

Falsch verstandene Italianità
Die Krise in Italien könnte dazu beitragen, dass das Tessin sich wieder vermehrt nach Norden ausrichtet, von dem es sich in den vergangenen Jahren entfremdet hat. Die Medien berichteten immer weniger aus Zürich und Bern. Die wichtigste Tessiner Tageszeitung «Corriere del Ticino» hat zwei Korrespondenten in Mailand und einen in Rom, aber nur einen in Bern und keinen in Zürich.

Der Unternehmer Tito Tettamanti, einer der reichsten Tessiner, sieht vor allem bei den Fernseh- und Radiosendern der italienischsprachigen SRG, der RSI, ein Problem: «Es gibt in den Medien, aber generell bei den Eliten eine falsch verstandene Italianità.» Man sei zu faul, um Deutsch zu lesen und sich mit der für das Tessin entscheidenden Region Zürich zu befassen. «Italien ist kein Vorbild mehr», sagt der 83-Jährige, «es ist kulturell und intellektuell verarmt.»

Das Tessin wurde in den vergangenen Jahren in der Tat «italianisiert» – im negativen Sinn. Wie der grosse Nachbarstaat hat der Kanton Schulden angehäuft. In den vergangenen vier Jahren, in denen die Wirtschaft eigentlich brummte, resultierten nur Defizite. 8500 Staatsangestellte hat das Tessin, Tendenz steigend, die Sozialausgaben sind explodiert. Unternehmer befürchten Steuererhöhungen.

Vielleicht aber ist die «Italienisierung» schon wieder am Abklingen. Im Volk wächst die Kritik an den Nachbarn. Der Tessiner FDP-Präsident Rocco Cattaneo bringt es auf den Punkt: «Die Italiener waren im Tessin gern gesehen, solange sie ihr Geld zu unseren Banken und Finanzinstituten brachten. Seit dieser Geldfluss vorbei ist, werden die Italiener als Problem und als Feinde gesehen.»

60 000 Grenzgänger Tag für Tag
Das hat vor allem mit den Grenzgängern zu tun. Täglich pendeln über 60 000 Italiener ins Tessin, ihre Zahl hat sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Es ist das brennendste Thema der Politik. Die Deutschschweiz hat von der Dramatik erst Kenntnis genommen, seit der Südkanton am 9. Februar die Masseneinwanderungsinitiative der SVP mit haushohen 68 Prozent angenommen hat.

Es spricht Bände, dass sogar die Grünen für ein Ja eintraten. Der Tessiner Parteipräsident Sergio Savoia sagt heute: «Wenigstens ist es uns gelungen, dass man in der Schweiz über das Tessin und seine Probleme spricht.» Wenn Savoia beim WWF, für den er arbeitet, eine Praktikantenstelle ausschreibt, bewerben sich junge Leute selbst aus Sizilien und Kalabrien. «Der Druck auf den Arbeitsmarkt ist riesig.»

Savoia kritisiert, die Deutschschweiz sehe das Tessin klischiert, habe ein völlig falsches Bild. «Wir sind längst kein ländlicher Urlaubskanton mehr.» Der Süden Tessins sei nicht zu trennen von der riesigen Agglomeration Mailand. «Wir sind der einzige Teil der Schweiz, der Teil einer europäischen Metropole ist.» Darin liege eine Chance: «Wir müssen Schweizer Qualität mit der Dynamik der Lombardei verbinden.»

Die Tessiner gelten als nicht eben grün, doch selbst bei der Lega entdeckt man nun den Umwelt- und Heimatschutz. Der Lega-Stadtpräsident von Lugano, Marco Borradori, gesteht ohne Umschweife ein, dass die grösste Tessiner Stadt in den 70er- und 80er-Jahren grosse Bausünden begangen habe. «Wir haben keine Altstadt mehr und die Hügel verbaut», sagt er. «Das will der Stadtrat von Lugano nicht mehr. Wir wollen im Gegenteil die vielen grünen Lungen stärken, die Lugano noch hat.»

Und: Der Lega-Stapi möchte im Autokanton den Strassenverkehr eindämmen. «Es kann so nicht weitergehen», sagt Borradori. «Deshalb wollen wir mehr für Radfahrer und Fussgänger tun.» Ein Velonetz ist in Planung. Zudem plant der Kanton – unter Führung von Lega-Regierungsrat Norman Gobbi – eine Radaranlage auf der A2.

Die Lega hat ein Identitätsproblem
Es ist auch ein Lega-Politiker, der ein weiteres Tessiner Tabu bricht: Regierungsrat Claudio Zali plant die Einführung einer Kehrichtsackgebühr, wie sie im Rest der Schweiz längst normal ist. Immerhin, sie soll mit 85 bis 95 Rappen pro Sack die billigste des Landes sein. In der zur Nummer 1 aufgestiegenen, meist rechts-, bisweilen auch linkspopulistischen Regionalpartei gärt es. Seit dem Tod von Parteigründer Giuliano Bignasca vor einem Jahr fehlt ihr eine Identifikationsfigur. Attila Bignasca, der Bruder von Giuliano, ist müde geworden.

Und Nationalrat und Journalist Lorenzo Quadri gilt zwar als brillanter Schreiber, aber nicht als charismatischer Redner. Für Luganos Stadpräsidenten Borradori steht fest: «Die Lega ist in einer Identitätskrise. Sie muss ein neues Gleichgewicht finden zwischen Opposition und Regierungsverantwortung.» Die Zeit für die Legisten drängt: Im nächsten Jahr sind Kantonswahlen.

Die Regierung ist bloss B-Liga
Es mangelt indes allen Parteien an starken Führungspersonen. Seit dem Rücktritt von Flavio Cotti (CVP) 1999 aus dem Bundesrat hat der Kanton niemanden mehr, der das Format für die Landesregierung hätte. In der Bundesverwaltung und den Verwaltungsräten von SBB, Post und Swisscom war das Tessin früher mit kantigen Persönlichkeiten vertreten, heute sind sie rar geworden. Auch die noch junge Universität, die einen guten Ruf hat, trägt – Ironie der Geschichte – nicht zu einer besseren Vernetzung der Tessiner bei: Jene, die hier studieren, bleiben unter sich. Früher zog es die Einheimischen zahlreicher an die Universitäten der Deutschschweiz.

Der Tessiner Regierung sagt man nach, dass sie eine Lokalmannschaft sei. In dieses Bild passt eine Episode, die sich diese Woche in einer Quizsendung des Tessiner Fernsehens abspielte: Ein Geschichtsprofessor erkannte den CVP-Regierungsrat Paolo Beltraminelli nicht. Der «Corriere» titelte tags darauf: «Welche Blamage: Beltraminelli wer?!»

Die «Schweiz am Sonntag» stiess diese Woche auf viele selbstkritische Tessiner. Das Tessin sei in einer Sinnkrise, sagt der oberste Touristiker, Marco Solari. Das könnte eine Chance sein. Aufgerüttelt vom Niedergang des Tourismus – innerhalb von zwanzig Jahren sank die Zahl der Übernachtungen um 26 Prozent – wird jetzt die touristische Vermarktung neu aufgegleist. Das Kantonsparlament hat einem neuen Tourismusgesetz zugestimmt, das die Zersplitterung der Tourismusförderung beenden soll. Künftig sollen vier Regionen schlagkräftig vermarktet werden.

Die Neue Eisenbahn-Alpentransversale (Neat) werde den Strukturwandel beschleunigen, sagt Solari. Die veralteten Hotels müssten schliessen, der herkömmliche Ferientourismus sei Geschichte. Stattdessen müsse das Tessin vermehrt auf Kulturevents und sportliche Erlebnisse setzen, um die Tagestouristen aus dem Norden anzulocken.

Nicht nur in der Tourismusbranche weht frischer Wind. Die Wirtschaft insgesamt ist in einer Aufbruchstimmung – notgedrungen, weil die alten Lokomotiven wie Banken und Tourismus kriseln. Jetzt versucht der Kanton, neue, wertschöpfungsintensive Spitzenindustrien anzulocken. Bereits jetzt siedeln sich in keinem anderen Kanton so viele Firmen an wie hier. Das Tessin steht heute, gemessen am Bruttoinlandprodukt pro Kopf, immerhin auf Rang zehn der wohlhabendsten Kantone – noch vor dem Aargau und St. Gallen.

Doch das genügt Valesko Wild, dem Leiter der kantonalen Wirtschaftsförderung, nicht. Er will das Standortmarketing verstärken und hat es vor allem auf die Pharma-, die Nahrungsmittel- und die Elektronikindustrie abgesehen. «Wir werden die Firmen im Ausland sehr gezielt suchen», sagt Wild. Dabei soll auch eine neue kantonale Standortförderungsagentur helfen.

Pharma statt Banken
Künftig wird der Kanton seine Geldbeträge, mit denen er ausgewählte Firmen unterstützt, speziell zur Förderung von innovativen Projekten einsetzen. Etwa in der Pharmabranche. Rund um Lugano hat sich schon jetzt ein eigentlicher Pharma-Cluster herausgebildet. Dies war nur möglich dank der Gründung der Universität, der Fachhochschule der italienischen Schweiz und mehreren dazu gehörenden Forschungsinstituten. Auch der neue Technopark und ein ebenfalls neues regionales Büro zur Unterstützung von Start-ups haben die Gründung junger Firmen erleichtert.

Innert weniger Jahre ist der Grossraum Lugano so zum viertwichtigsten Pharma-Standort der Schweiz aufgestiegen. 20 Prozent der Tessiner Exporte kommen von der Pharmaindustrie. In mehr als 60 Firmen mit über 2400 Mitarbeitern werden Medikamente erforscht und hergestellt. Die grösste ist Helsinn, die weltweit mehr als 550 Mitarbeiter beschäftigt, davon mehr als die Hälfte im Tessin. Firmenchef Riccardo Braglia lobt den Kanton als guten Standort, «der ein grosses Potenzial hat, zu einem kleinen Silicon Valley» zu werden». Er müsse sich aber noch besser vermarkten. «Niemand weiss, dass die innovative Industrie hier so stark ist.»

Staat soll Land aufkaufen
Für die Ansiedelung von Firmen sei die Nutzung des Bodens zentral, betont SP-Regierungspräsident Bertoli. Denn nur gut 15 Prozent der Kantonsfläche sind bebaubar. Er wartet mit einem spektakulären Vorschlag auf. Nach dem Vorbild von Litauen will er mit «freien Wirtschaftszonen» gezielt Unternehmen anziehen. Dazu soll der Staat maximal 600 Hektaren Land für durchschnittlich 500 Franken pro Quadratmeter kaufen. Bertoli: «Das kostet den Kanton 3 Milliarden, bei einem Jahresbudget von 3,2 Milliarden. Ziel wäre es, dass wir als Landeigentümer bestimmen können, wer sich ansiedeln darf.» Also keine Logistikzentren mehr, die kaum Wertschöpfung bringen, sondern Hightechfirmen.

Eine grosse Chance für das Tessin wird die neue Eisenbahn-Alpentransversale (Neat) sein. Ab 2020 beträgt die Fahrzeit Zürich–Lugano weniger als zwei Stunden. Nicht nur das Verhältnis zur Deutschschweiz könnte wieder enger werden, sondern auch dasjenige innerhalb des Tessins, das in zwei kulturell unterschiedliche Kantonsteile gespalten ist: der Sopraceneri im Norden und der Sottoceneri im Süden. Dank dem Ceneri-Tunnel verkürzen sich die Reisezeiten massiv: Von Lugano nach Bellinzona sind es nur noch 12 Minuten, nach Locarno 18 Minuten.

Napoleon und die Neat
Die Spaltung des Kantons hat historische Gründe: Es war Napoleon, der 1798 zwei Kantone schuf: den Kanton Lugano und den Kanton Bellinzona. Nach fünf Jahren sah er ein, dass das nicht funktionierte, und so entstand 1803 der Einheitskanton Tessin. Das führte zu Konflikten, anfänglich wechselte die Kantonshauptstadt in einem Turnus alle sechs Jahre zwischen Lugano, Locarno und Bellinzona, bis Letzteres zur Dauer-Hauptstadt wurde.

Die Neat werde die Wettbewerbsfähigkeit des Kantons verbessern, sagt Wirtschaftsförderer Valesko Wild. Nicht nur Zürich und Basel rücken näher, sondern auch die wichtigen deutschen Absatzmärkte. Eine Studie rechnet wegen des Tunnels allein im Tourismus mit 700 bis 1500 neuen Arbeitsplätzen.

Die strukturschwache Region nördlich von Bellinzona könnte hingegen zu den Verlierern gehören. In der Leventina sind bisher nur einige kleinere touristische Projekte aufgegleist. Eine eigentliche Rettung für die gefährdete Region könnte erst die Aufnahme der alten Gotthardstrecke ins Unesco-Welterbe bringen. Von ihr wird schon seit Jahren geredet, aber umgesetzt ist, eineinhalb Jahre vor der Eröffnung des neuen Neat-Tunnels, noch nichts.

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