Teenies zu Tiefstlöhnen in Kitas

Von Praktikantinnen betreut? Kind in einer Kindertagesstätte. Foto: Keystone

Von Praktikantinnen betreut? Kind in einer Kindertagesstätte. Foto: Keystone

Junge Frauen und die Qualität der Kinderbetreuung leiden unter Billig-Praktika.

Anna* ist 16 Jahre alt und hat einen Traum. Sie will Kleinkindererzieherin werden. Annas Traum platzte nach drei Monaten. Im letzten Sommer bewarb sie sich um eine Praktikumsstelle bei einer privaten Krippe in einer Kleinstadt im Kanton Zürich. Die Krippe warb mit einer offenen Lehrstelle auf August 2015. Anna wurde eingestellt. Sie war nicht die Einzige. Fünf Praktikantinnen arbeiteten in dem Betrieb. Lehrstellen gab es aber nur zwei. Drei der fünf Praktikantinnen würden nach einem Jahr leer ausgehen. Anfang Dezember bekam Anna eine Absage – sollte aber trotzdem weiterarbeiten.

So wie Anna geht es vielen. Kitas setzen systematisch auf Praktikantinnen, bestätigt Christine Flitner von der Gewerkschaft VPOD. Es sind Teenager, die zwischen 400 und 1500 Franken im Monat verdienen und ein ganzes Jahr arbeiten. Auf Stellenportalen werben Hunderte Krippen um Praktikantinnen. Sie locken mit der «Möglichkeit auf Ausbildungsplatz für 2016» oder «Option auf eine Lehrstelle per Sommer 2017». Viele der vor allem jungen Frauen gehen schliesslich leer aus. Dabei dürfte es solche Praktika als Vorbedingung für eine Lehre gar nicht geben. Sie wurden vor neun Jahren abgeschafft. Davor waren sie obligatorisch. Eine Ausbildung zur Kleinkinderbetreuerin durfte nur beginnen, wer ein einjähriges Praktikum absolviert hatte. Im Jahr 2006 wurde die Lehre ersetzt durch die Ausbildung zur Fachangestellten Betreuung (Fabe). Ein Praktikum ist nicht mehr Vorbedingung.

Anna fühlte sich als billige Arbeitskraft ausgenutzt. «Anfangs durfte ich mit den Kindern arbeiten und lernte viel. Später durfte ich nur noch putzen und waschen», klagt sie. Krippen setzen auf Praktikantinnen, um Kosten zu sparen. «Viele Kitas halten wegen der schwierigen Finanzierungssituation am alten Vorpraktikum fest», sagt Talin Stoffel, Co-Geschäftsleiterin von kibesuisse. Die Personalkosten machen 72 Prozent der Kosten einer Krippe aus. Die Gebühren für einen Krippenplatz zu erhöhen, ist aber kaum möglich, weil Eltern heute schon vielerorts über 100 Franken pro Tag für einen Krippenplatz bezahlen.

«Es kann nicht sein, dass das Finanzierungsproblem der Krippen auf dem Rücken von sehr jungen Frauen ausgetragen wird», kritisiert Gewerkschafterin Flitner. Stoffel sorgt sich auch um die Qualität der Kinderbetreuung: «Tiefe Praktikumslöhne wirken demotivierend und ziehen nicht unbedingt das beste Personal an.» Der Bundesrat will für die Finanzierung der Krippen neue Gesetze. Ob die Reform auch den Praktikantinnen hilft, ist offen. Ein Vernehmlassungsentwurf ist für September angekündigt. Anna hat sich inzwischen selbst geholfen. Diese Woche ging sie zum ersten Mal in die Berufsschule. Bevor sie die Lehre in einer anderen Krippe antreten konnte, musste sie als Praktikantin arbeiten.

* Name geändert

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