Pontarlier (F), nahe der Schweizer Grenze: Französische Polizisten holen morgens um 4.00 Uhr am 4. Juli rund 36 Migranten, darunter eine hochschwangere Syrerin und ihre Familie, aus dem Schnellzug Mailand–Paris. Sie hatten alle kein Visum. Laut dem Mediensprecher der Oberzolldirektion, Walter Pavel, wurden die Migranten, begleitet von 15 Grenzwächtern, nach der Übergabe durch die Franzosen mit mehreren Mini-Bussen nach Brig gefahren. Eine Strecke von etwas über 200 Kilometer und einer Fahrzeit von zweieinhalb Stunden.

Während der Fahrt nach Brig soll die Frau starke Blutungen erlitten haben. Jetzt ist klar warum: Sie trug ihr totes Kind im Bauch. Gestern publizierten italienische Medien Ergebnisse der Obduktion. Danach starb das Kind zwischen 7 und 9 Uhr morgens. Das heisst, auf dem Weg in die Schweiz. Es ist noch unklar, ob auf französischem oder Schweizer Boden. «Da die Schweizer Militärjustiz für die Untersuchung zuständig ist, ist dies juristisch aber nicht von Bedeutung», sagt Markus Immenhauser, Kommunikationschef der Militärjustiz.

Trotz Hilferufen des Ehemanns sollen die Grenzwächter nicht reagiert haben, berichtete die TV-Sendung «10 vor 10». In Brig sei die Frau, trotz ihrem kritischen Zustand, für Stunden in eine Zelle gesperrt worden. Danach habe man die ganze Familie per Zug nach Domodossola geschickt. Dort brach die Syrerin zusammen. Im Spital konnte ihr Kind nur noch tot zur Welt gebracht werden.

Das Grenzwachtkorps (GWK) spricht von einem Einzelfall. Es wurden allerdings Fehler gemacht, wie das GWK zugibt. Es hat den Fall am Freitag der Militärjustiz übergeben. Zudem will das GWK prüfen, ob in Zukunft eine medizinische Begleitung bei Rückschaffungen nötig ist. Nach Informationen der «Schweiz am Sonntag» arbeitet der für den Rücktransport verantwortliche Grenzwächter aktuell nicht an der Front. «Dazu geben wir keinen Kommentar ab», sagt Pavel.

Besonders tragisch: Die Familie hätte in der Schweiz Asyl beantragen können. «Das Recht, Asyl zu beantragen, besteht zu jeder Zeit und ist an keine Voraussetzungen gebunden», sagt Pavel. Stattdessen wurde die Frau mit ihrem toten Baby im Bauch durch die halbe Schweiz gefahren. Dies ist nicht nur ein Drama, sondern auch ein Skandal.

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