Es kommt höchst selten vor, dass Wissenschafter vor ihrer eigenen Forschung warnen. Doch genau das ist jetzt passiert: In Fachjournalen schreiben führende Forscher von «unvorhersehbaren Auswirkungen auf künftige Generationen». Sie sehen ihre Technologie als Wegbereiter für eine «gefährliche und ethisch inakzeptable Entwicklung». Und sie fordern: «Schützt die Gesellschaft vor unseren Erfindungen.»

Crispr-Cas9 heisst die umstrittene Technologie. Was klingt wie ein hipper veganer Knusperriegel, ist in Wahrheit ein Verfahren, mit dem Gene nach Belieben ausgetauscht werden können, und bedeutet so viel wie Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats.

Damit werden mit wenig Aufwand Veränderungen im Erbgut möglich,die früher ein ganzes Forschungsinstitut über Jahre in Anspruch genommen hätten – oder bisher überhaupt nicht möglich gewesen wären. Anstatt von Genmanipulation oder Gentechnologie sprechen die Forscher nun von Genome Editing.

Man kann sich Crispr vorstellen wie Word oder ein anderes Textverarbeitungsprogramm: Mit der Suchfunktion scannt man den genetischen Text, die DNA, nach einzelnen Wörtern ab. Dann schreibt man sie mit der Editierfunktion um, korrigiert Fehler, verbessert Unvollkommenheiten.

Gerald Schwank, Molekularbiologe an der ETH Zürich, vergleicht den Fortschritt in der Gentechnologie mit jenem der Computertechnologie. «Wir haben es mittlerweile mit einer exponenziellen Entwicklung zu tun», sagt er. Alles gehe viel schneller, sei viel einfacher und viel billiger geworden.

2012 haben die beiden Forscherinnen Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier die Funktionsweise von Crispr per Zufall bei einem Experiment mit Joghurtkulturen entdeckt. Seither hat sich die Technologie stark verbessert und sich in Windeseile in den Universitätslabors der ganzen Welt verbreitet. Dass die beiden Mikrobiologinnen für ihre Entdeckung wohl ziemlich bald den Nobelpreis erhalten werden, gilt als sicher. Das Wissensmagazin «Science» hat Crispr in der aktuellen Ausgabe als wissenschaftlichen Durchbruch des Jahres bezeichnet.

Die Liste der genetischen Entwicklungen, welche in den letzten Monaten mithilfe von Crispr gemacht wurden, ist eindrücklich. Dem Molekularbiologen George Church ist es gelungen, die Gene von Schweineorganen so umzuschreiben, dass sie in Menschen transplantiert werden können, ohne abgestossen zu werden. Amerikanische Forscher haben im Labor das Erbgut von Anophelesmücken so verändert, dass sie resistent gegen den Malariaerreger wurden und die Krankheit damit nicht mehr übertragen konnten. Und chinesische Forscher haben einen «Superhund» erschaffen. Sie konnten die Muskelmasse eines Beagles verdoppeln, indem sie das Myostatin-Gen, welches das Muskelwachstum hemmt, einfach löschten.

Kein Experiment sorgte aber für so viel Aufmerksamkeit wie jenes des chinesischen Teams um den Molekularbiologen Junjiu Huang. Die Forscher griffen erstmals ins Erbgut menschlicher Embryos ein. Sie haben dafür zwar fehlgebildete Embryos verwendet und nie geplant, sie einzupflanzen, dennoch überschritten die Forscher mit ihrem Experiment eine rote Linie. In den einschlägigen Publikationen meldeten sich führende Molekularbiolgen zu Wort und warnten vor dem unbedachten Gebrauch der Technologie, die sie teils selber mitentwickelt hatten.

Denn wenn man das Genom von Embryos verändert und ihn einpflanzt, greift man in die menschliche Keimbahn ein. Die genetischen Veränderungen haben nicht nur eine Auswirkung auf den Menschen, bei dem sie gemacht werden, sondern würden auch an die kommenden Generationen weitervererbt werden. Die Auswirkungen eines solchen Eingriffs lassen sich nicht abschätzen.

Christoph Rehmann-Suter ist entschieden der Meinung, dass Keimbahneingriffe ethisch nicht verantwortbar seien. «Genmodifikationen könnten Effekte haben, die sich erst Jahre später zeigen könnten. Um zu wissen, ob ein Eingriff sicher ist, müsste man den Menschen ein ganzes Leben lang beobachten», sagt der in Lübeck lehrende Professor. Bei einem solchen Experiment, zu dem die Versuchsperson keine Einwilligung geben könnte, wäre die Würde der Person verletzt. «Nicht weil die Keimbahn sakrosankt ist, aber der Mensch würde als Mittel zum Zweck missbraucht.»

Das chinesische Experiment hat darüber hinaus gezeigt, dass die Technik für menschliche Eingriffe noch nicht sicher genug ist. Nur bei 4 von 54 mit Crispr veränderten Embryos kam es zur gewünschten Mutation – und auch diese vier hatten weitere, nicht beabsichtigte Veränderungen, sogenannte «off-target»-Mutationen.

Doch seit das Experiment in diesem Frühling durchgeführt wurde, hat sich Crispr weiterentwickelt. «Heute würde das Experiment mit grosser Sicherheit viel erfolgreicher verlaufen», sagt der ETH-Biologe Gerald Schwank. Georg Church, einer der führenden US-Molekularbiologen, erklärte jüngst gegenüber der Zeitschrift «Wired» sogar, dass man das Problem mit den «off-target»-Mutationen bereits in den Griff bekommen habe. Schwank warnt dennoch vor Keimbahneingriffen. Praktisch alle genetischen Krankheiten liessen sich auch durch die Präimplantationsdiagnostik verhindern. Indem man eine künstlich befruchtete Eizelle nach Fehlbildungen untersucht, ehe man sie einpflanzt. Nur in einem Fall mit einer äusserst geringen Wahrscheinlichkeit könnte ein Keimbahneingriff Sinn machen: Wenn Mutter und Vater des Embryos an derselben genetischen Krankheit leiden.

Viel Erfolg verspricht er sich aber von der sogenannt somatischen Gentherapie. Dabei wird nicht das Genom eines Embryos verändert, sondern lediglich defekte Gene bestimmter Zellen ersetzt. Schwank arbeitet mit seinem Team daran, defekte Leberzellen zu reparieren. Dafür werden die Zellen dem Menschen entnommen, im Labor mithilfe von Crispr geflickt und dann wieder eingesetzt.

Doch Crispr hat nicht nur das Potenzial, Krankheiten effizient zu heilen, sondern auch den Menschen neu zu erschaffen: ihn intelligenter, stärker, schöner zu machen, sei es durch somatische Genoptimierung oder durch Keimbahneingriffe. Die Angst vor Designerbabys, die im Labor nach den Wünschen der Eltern geschaffen werden, ist seit Crispr nicht mehr unbegründet. Auf die gleiche Weise, wie die chinesischen Muskelhunde entstanden sind, liesse sich durch Löschung des Myostatin-Gens vielleicht ein Superathlet entwickeln.

Andere Eigenschaften, beispielsweise die Intelligenz, zu optimieren, ist komplizierter, da man gar nicht weiss, welche der rund 23 000 Gene des Menschen wie umgeschrieben werden müsste. Denn ein einzelnes Intelligenz-Gen gibt es nicht. Vielmehr ergibt sich die Intelligenz aus einem komplizierten Netz aus Genen, die sich wechselseitig beeinflussen.

Doch nichts in der Natur ist so kompliziert, dass der Mensch es nicht einmal verstehen könnte. Davon sind insbesondere die Transhumanisten überzeugt, die der Auffassung sind, dass der Mensch sich durch Technologie überwinden soll. In Designerbabys sehen sie keine Gefahr, sondern eine Chance. Sie sind von den neuen Möglichkeiten des Genome Editing sehr angetan. «Wenn wir den Menschen verbessern können, gibt es keinen Grund, das nicht zu tun», sagt der englische Bioethiker und Transhumanist Andy Miah.

In gewissem Sinn tun wir das ja schon heute. Indem wir uns gegen Krankheiten impfen. Oder indem wir für unsere Kinder die besten Voraussetzungen schaffen, damit sie ihre Intelligenz entwickeln können. Für Querdenker wie Andy Miah ist Crispr ein nötiger Schritt Richtung Post-Evolution. «Es wäre naiv», sagt der Bioethiker, «darauf zu vertrauen, dass die natürliche Evolution besser verläuft, als wenn der Mensch in sie eingreift.»

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