Mit weinenden Babys und dramatischen Warnungen vor «Staatskindern» zogen SVP und FDP Anfang Jahr in den Abstimmungskampf gegen den Familienartikel. Meist klang das so wie bei SVP-Nationalrätin Nadja Pieren: «Der Staat soll sich nicht einmischen, wie Familien die Kinderbetreuung zu organisieren haben.» Der Familienartikel wurde abgelehnt.

Anders in Deutschland. Die konservative Politikerin und siebenfache Mutter Ursula von der Leyen (CDU) setzte sich als Bundesfamilienministerin gegen den «Betreuungsnotstand» ein. Ihr Ziel: Für knapp 40 Prozent aller Kinder unter drei Jahren einen Platz in einer Kindertagesstätte (Kita) schaffen. Und Eltern erhalten einen Rechtsanspruch auf staatliche Betreuung ihres Nachwuchses. Dieser gilt nun ab dem 1. August. Rund 813 000 Plätze stehen bereit. Doch vielerorts fehlt es an gut ausgebildetem Personal und geeigneten Räumen, um künftig den Bedarf zu decken.

In dicht bebauten Boom-Städten wie Frankfurt am Main oder München ist es besonders schwierig, eine passende Fläche zu finden. Auch Berlin kennt das Problem. «In der Innenstadt steigen die Preise für Objekte. Deshalb konzentrieren wir uns vor allem auf den Ausbau bereits bestehender Standorte», sagt Sigrid Klebba, Staatssekretärin für Bildung, Jugend und Wissenschaft.

66 Prozent der Ein- und Zweijährigen besuchen in der Hauptstadt eine Kita. Allein vergangenes Jahr sind dort 5000 neue Kita-Plätze entstanden. Und bis 2016 sind 11 200 neue geplant. «Viele junge Menschen ziehen zu und gründen hier eine Familie», sagt die Staatssekretärin.

Über zwölf Milliarden Euro lässt sich Deutschland den Kita-Ausbau kosten. Dabei besteht vor allem im Westen Nachholbedarf – in der DDR gehörte die Tagesbetreuung zum sozialistischen Alltag. Doch der starke Ausbau führt deutschlandweit zu Personalmangel. «In Berlin wird die Fachkräftesituation in den kommenden zwei Jahren eng», sagt Klebba. Zwar hat die Stadt innerhalb von zwei Jahren die Zahl der Fachhochschulen verdoppelt und jährlich werden rund 1500 Erziehende ausgebildet, doch das reicht noch nicht. «Wir wollen explizit auch Quereinsteiger rekrutieren. Also lebenserfahrene Menschen, die sich berufsbegleitend ausbilden lassen.» Zur Ergänzung seien zudem Ehrenamtliche willkommen, wenngleich sie nicht als Ersatz von Fachpersonal zum Einsatz kommen dürfen.

Andere Ballungsräume wie beispielsweise die Stadt Mainz haben Flyer mit dem Aufruf «Du fehlst uns» gedruckt und München bietet Erzieherinnen günstige städtische Wohnungen an. Und auch Männer sind verzweifelt gesucht. «Starke Typen für starke Kinder», heisst eine Kampagne in Stuttgart, «Vielfalt, Mann!» in Hamburg.

Für Klebba ist klar: «Es ist eine gesellschaftliche Debatte nötig, welchen Stellenwert pädagogische Berufe künftig haben sollen.» Und damit verbunden sei auch die Frage der Entlöhnung. «Hier besteht Nachholbedarf.»

Rund 2200 Euro brutto erhalten Erziehende im Öffentlichen Dienst, private Kitas bezahlen oft noch weniger. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt die Anfangslohnempfehlung bei 4300 Franken.

Schattenseite des Kita-Wachstums: Die Qualität vieler Krippen und Kindergärten ist ungenügend. Ein Forscherteam unter der Leitung des Berliner Frühpädagogen Wolfgang Tietze befand in einer neuen Studie nur 3 Prozent der Krippen als gut. 85 Prozent sind Mittelmass und 12 Prozent schlecht.

Der Grund: Es fehlt an Förderung der Kinder. «Erzieherinnen haben auch die Aufgabe, Neugier zu wecken und Anleitungen beispielsweise in Wahrnehmung, Sprache und Wissenschaft zu fördern», sagt Tietze. Doch viele hätten kaum Zeit, sich auf ein Kind einzulassen.

Deshalb steht für Tietze fest: «Der Bund hat bereits viel geschaffen. Trotzdem muss in den nächsten fünf Jahren die Qualität in den Kitas Priorität haben.»

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