Bruno Metzger, Sprecher der St. Galler Kantonspolizei, war am Samstagabend ein gefragter Mann. Journalisten auch grosser ausländischer Medien wollten alle dasselbe wissen: War es Terror? Metzger antwortet: «Das ist im Moment sehr, sehr abwegig.» Welche Hinweise er für diese Aussage hat, dazu sagt er nichts.

Für die Polizei gelten bis jetzt folgende Informationen als gesichert: Gestern um etwa 14.20 Uhr goss ein Mann in der Südostbahn kurz vor dem Bahnhof Salez SG eine brennbare Flüssigkeit aus und zündete diese an. Er sei dabei gezielt auf eine Frau losgegangen. Der Mann, laut Polizei ein 27-jähriger Schweizer, war zudem mit einem Messer bewaffnet. Mit dem Brand und durch Stiche verletzte er insgesamt sechs Passagiere. Es handelt sich um einen 17- und einen 50-jährigen Mann, um drei Frauen im Alter von 17, 34 und 43 Jahren und um ein 6-jähriges Kind. Einige sind schwer verletzt und schweben in Lebensgefahr. Das gilt auch für den Täter selber. Als er von der Polizei verhaftet wurde, stand er gemäss Medienberichten in Flammen. Der Zug war mit mehreren Dutzend Passagieren besetzt.

Neben einem Grossaufgebot der Kantonspolizei St. Gallen standen in der Gemeinde Sennwald, die an Liechtenstein grenzt, drei Rettungshelikopter, zwei Notärzte und drei Rettungswagen im Einsatz. Die SBB sperrten die Strecke und setzten Ersatzbusse ein.

Bahnpräsident am Tatort
Vier Stunden nach dem Vorfall traf Hans Altherr, Verwaltungsratspräsident der Südostbahn, am Tatort ein. Der ehemalige Appenzeller Ständerat wohnt in der Nähe. Bei seinem Besuch sei die Stimmung am Bahnhof «unaufgeregt» gewesen. Der Zug war noch da, doch die Spurensicherung sei bereits abgezogen. Altherr sagt, dass er auf der Strecke oft unterwegs sei. «Ich habe auch schon bedrohliche Situationen erlebt, aber noch nie an einem Samstagnachmittag», sagt er. Vor allem nachts habe es bisher manchmal Probleme gegeben. Er wisse, dass die Sicherheitsmassnahmen in der Nacht verstärkt worden seien, sagt er. Nach dem Vorfall will er das Sicherheitskonzept nicht auf den Kopf stellen: «Ich würde im Moment alles lassen wie gehabt. Wir müssen nun abwarten.»

Dass in der Schweiz so etwas passieren kann, macht auch Ueli Stückelberger betroffen, den Direktor des Verbands öffentlicher Verkehr (VöV). Er kann sich an einen ähnlichen Fall nicht erinnern: «In diesem Ausmass ist das neu.» Stückelberger betont, die objektive Sicherheit im öffentlichen Verkehr sei unvermindert hoch, doch es gebe auch die subjektive Sicherheit: «Es ist wichtig, dass sich die Menschen in unseren Verkehrsmitteln sicher fühlen – das müssen wir sehr ernst nehmen.»
Dazu beitragen würden saubere Züge und vor allem eine genügende Präsenz von Personal, insbesondere am Abend. Hier habe es in den letzten Jahren Verstärkungen gegeben. Dennoch: Die meisten Regionalzüge tagsüber fahren unbegleitet durchs Land. «Das wird der Normalfall bleiben und lässt sich nicht ändern.»

Nicht mehr Kontrollen
Stückelberger sagt: «Unser öffentliches Verkehrssystem lebt davon, dass es keine Spinner und keinen Terror gibt. Es könnte nicht mehr funktionieren, wenn man das Schienennetz oder die Tunnels sichern oder bei den Passagieren Gepäckkontrollen durchführen müsste.» Was das bedeuten würde, zeigt die Zugsverbindung Paris–London: Dort gelten erhöhte Sicherheitskontrollen – mit der Konsequenz, dass die Reisenden eine Stunde früher am Bahnhof sein müssen.

Der VöV-Direktor hält die Schweizer Transportunternehmen für genügend sensibilisiert: «Sie haben bei der Sicherheit besondere Kompetenzen bekommen und machen regelmässig Lagebeurteilungen. Man weiss, welche Züge problematisch sind, dort werden mehr Bahnpolizisten eingesetzt.» Um allfällige Lehren aus dem Fall Salez zu ziehen, braucht es weitere Erkenntnisse. Dazu durchsuchte die Polizei gestern Abend das Haus des Täters.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper