Neuste Zahlen zeigen: Heute leben in der Schewiz rund 150 000 Ausländer, die mindestens 65-jährig sind. Etwa gleich viele ältere Schweizer sind ausländischer Herkunft. Und bereits 2020 wird es 400 000 Senioren-Migranten geben.

Der Spitex-Verband Schweiz mit rund 600 lokalen Basisorganisationen für Hilfe und Pflege zu Hause hat die Problematik erkannt. «Künftig sind die Krankheitsfälle komplexer sowohl in medizinischer als auch in sozialer Hinsicht», sagt Sprecherin Isabel Küffer. Der tägliche Umgang mit Senioren aus den unterschiedlichsten Schichten hat gezeigt: «Wer sich bei Menschen zu Hause aufhält, sollte beispielsweise die kulturellen Gepflogenheiten kennen.» Der Verband reagiert darauf und testet eine Migranten-Spitex. Derzeit läuft ein Projekt «explizit für Mitarbeitende mit Migrationshintergrund». Also eine spitalexterne Pflege, die speziell von Migranten durchgeführt wird. Bis im Sommer 2014 sollen Resultate vorliegen. Bis dahin ist die Spitex-Verband daran, «im Rahmen des Projektes entsprechende Erkenntnisse» zu gewinnen. Zwei Pilotbetriebe in der deutschen und der französischen Schweiz sind involviert. «Die Spitex ist daran interessiert, auch für Mitarbeitende mit Migrationshintergrund attraktiv zu sein», sagt Küffer.

Auch der Verband Spitex Privée Suisse (ASPS) hat sich der demografischen Entwicklung in der Schweiz angepasst: «Der sehr hohe Ausländeranteil bedingt, dass alte Mitmenschen mit ausländischen Wurzeln möglichst in ihrer Muttersprache angesprochen werden sollten», sagt Marcel Durst, Geschäftsführer von ASPS. «In der Regel ist dies in den gängigen Sprachen bei unseren Mitgliedern gewährleistet.»

Besonders schwierig ist es jedoch, dem Wunsch von ausländischen Senioren nach gleichgeschlechtlicher Betreuung nachzukommen. «Es sind sehr wenige Männer in Pflegeberufen tätig», sagt Küffer.

Die Suche nach qualifiziertem Pflegepersonal wird sich verschärfen. Schon heute fehlen rund 3000 Pflegende in der Schweiz. Um diesem Missstand entgegenzuwirken, hat der Berner SVP-Nationalrat Rudolf Joder die parlamentarische Initiative «Rechtliche Anerkennung der Verantwortung der Pflege» eingereicht. Sie sieht vor, dass Pflegende zumindest teilweise direkt und ohne ärztliche Verordnung über die Krankenversicherung abrechnen können. Joder ist überzeugt, dass damit die Attraktivität des Berufes steigen wird. «Auf mehr Interessenten ist das Gesundheitswesen angewiesen.»

Ehemalige Gastarbeiter kehren häufig nach ihrer Pensionierung nicht wie ursprünglich geplant in die Heimat zurück. Aktuell beträgt der Anteil an über 65-jährigen Ausländern rund 10 Prozent, Tendenz steigend. Bereits gibt es erste sogenannte «mediterrane» Alters- und Pflegeheimabteilungen. Doch dies ist nur eine Antwort auf die Entwicklung der alternden Migranten in der Schweiz.

Eine neue Studie im Auftrag des Nationalen Forums Alter und Migration kommt zum Schluss: Auch bei der Spitex-Pflege besteht Handlungsbedarf. «Die Pflegerinnen sind heute noch zu wenig auf die Bedürfnisse ausländischer Senioren eingestellt», sagt Forschungsleiterin Johanna Kohn von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Zusammen mit dem Roten Kreuz untersuchte sie, wie pflegebedürftige Rentner aus Italien und dem ehemaligen Jugoslawien die Spitex nutzen.

Genauso wie einheimische Senioren haben betagte Ausländer den Wunsch, so lange wie möglich zu Hause zu leben. Damit dies möglich ist, springt das familiäre Umfeld ein. Meistens sind es die Ehefrauen, Töchter und Schwiegertöchter. Professionelle Hilfe anzunehmen, zögern sie hinaus. «Viele Migranten empfinden es aus unterschiedlichen Gründen als beschämend. Unter anderem, weil die Pflege der kranken Eltern ein ganz hoher Wert ist», sagt Kohn.

Weiter zeigt die Studie: Spitex-Pflege von ehemaligen Gastarbeitern ist für alle Beteiligten «hoch belastend». Hauptgrund sind die fehlenden Sprachkenntnisse auf beiden Seiten. Gerade auch für Pflegerinnen bedeutet das Betreuen von ausländischen Senioren einen Mehraufwand. «Im dichten Zeitplan empfinden sie migrationsspezifische Situationen häufiger als Störung in ihrer Routine.»

Hinzu kommt: «Auch wenn Migranten externe Hilfe annehmen, wird die Pflege als Familienprojekt gesehen. Da interessiert sich nicht nur der Ehemann für das Ergehen, sondern auch Onkel, Tante und Nichte.» Und auch beim Umgang mit dem Tod prallen oftmals unterschiedliche Ansichten und Wertungen aufeinander.

Für die Forscherin ist deshalb klar: Es braucht transkulturell geschulte Pflegerinnen und Pfleger mit guten Fremdsprachenkenntnissen im Umgang mit Migrantenfamilien. Besonders ist dabei zu beachten:
> wenig Wechsel von Pflegepersonen
> Zeit für Kommunikation
> gleichgeschlechtliche Pflege.

Ebenfalls geht aus der Untersuchung hervor, dass es sinnvoll wäre, wenn Krankenkassen Übersetzungsleistungen übernehmen würden. Aber auch mit der Schulung von pflegenden Angehörigen und der finanziellen Anerkennung ihrer ehrenamtlichen Leistungen hat man bereits gute Erfahrungen gemacht.

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