Der Chirurg hat kein Blut mehr an den Händen, er beugt sich nicht mehr über den Patienten, und er ruft auch nicht mehr hektisch nach einem Skalpell.

Tullio Sulser, Direktor der Zürcher Uniklinik für Urologie, verrichtet die Arbeit entspannt im Sitzen. Er befindet sich ein paar Schritte vom Operationstisch entfernt an einer Konsole und blickt in ein zehnfach vergrössertes 3-D-Bild. Mit den Pedalen steuert er die Kamera und mit Joysticks die Instrumente im Unterleib des Patienten. Er führt eine Prostata-Entfernung durch. Die Szenerie auf dem Videobild wirkt surreal. Das Gefühl für die Live-Situation vermittelt der Ton. Durchtrennt Sulser den Samenleiter, dringt das metallische Geräusch der Schere aus dem bewusstlosen Körper.

Die Bewegungen sind präziser als bei einer herkömmlichen Operation. Um einen Faden zu verknoten, vollführt der Chirurg grosse Handbewegungen. Vom Computer werden sie umgerechnet und in verkleinerter Form ausgeführt. Der Roboter übernimmt die Kontrolle nicht. Sulser dirigiert ihn. Seine Kollegen vergleichen ihn mit einem Künstler. Bei der Arbeit sehe er aus wie ein Orgelspieler an einem unsichtbaren Instrument, sagen sie.

Sulser bedient das Operationssystem Da Vinci, das sich das Zürcher Universitätsspital für über 2 Millionen Franken beschafft hat. Es ist in die Schlagzeilen geraten, weil eine im Wissenschaftsmagazin «The Lancet» publizierte Studie den medizinischen Nutzen infrage stellt. Ärzte untersuchten über dreihundert Prostata-Entfernungen, eine der häufigsten Anwendungen für den Da Vinci, mit und ohne Roboter. Drei Monate nach der Operation beklagten sich gleich viele Männer über Nebenwirkungen wie Erektionsstörungen und Inkontinenz. Die Eingriffsart spielte keine Rolle.

Bisher nicht bekannt war: Soeben hat sich das Zürcher Unispital für 1,7 Millionen Franken einen zweiten Da Vinci gekauft. Es handelt sich um ein Gerät der neusten Generation Xi. Zu den neuen Features zählen Klammernahtgeräte und eine optimierte Kameraführung. Neu können sämtliche Geräte über eine einzige kleine Hautöffnung eingeführt werden. Der bisherige Da Vinci benötigte für eine Prostata-Entfernung sechs kleine Löcher im Unterleib. Schon das ist ein Fortschritt gegenüber dem Einschnitt einer offenen Operation. Mit dem neuen Roboter will das Unispital weitere Einsatzgebiete erschliessen: die Bauch- und Herzchirurgie.

Roboterland Schweiz
Ein Da Vinci ist teuer, weil die amerikanische Firma Intuitive Surgical ein Monopol hat. Bisher hat sie 29 Geräte in die Schweiz verkauft, 85 in Deutschland und 104 in Frankreich, wie eine Sprecherin auf Anfrage sagt. Die Schweiz hat die höchste Roboterdichte. Auf eine Viertelmillion Einwohner kommt hierzulande ein Da Vinci. In Frankreich teilen sich über eine halbe Million und in Deutschland sogar fast eine Million Leute jeweils einen Roboter. Zum Kaufpreis kommen wiederkehrende Kosten hinzu. Der Servicevertrag kostet 150 000 Franken pro Jahr und die Instrumente 2000 Franken pro Eingriff. Der Roboter verteuert eine Prostata-Entfernung um mehr als das Doppelte.

Stephan Ebner, Vizedirektor des Basler Claraspitals, sagt: «Ein Da Vinci rechnet sich aktuell für ein Spital nicht.» Sein Haus habe sich dennoch einen gekauft, um die Qualität zu steigern und sich einen Marktvorteil zu verschaffen. Im Privatspital kommen allerdings nur zusatzversicherte Patienten in den Genuss von Da Vincis Kunst. Die Mehrkosten können Grundversicherten nicht in Rechnung gestellt werden, da sie in den Fallpauschalen nicht enthalten sind.

Einen anderen Weg wählt das Zürcher Unispital: Es bietet die roboterassistierte Behandlung sämtlichen Patienten an. Jeder Eingriff ist für das Unispital deshalb ein Minusgeschäft. Kann sich das ein staatlich finanziertes Krankenhaus angesichts der steigenden Gesundheitskosten leisten? Ja, meint Urologe Sulser: «Das ist nur ein Tropfen im See der Gesundheitskosten.»

Sulser beobachtet vor allem bei älteren Chirurgen eine Skepsis gegenüber dem Einzug der Roboter in die Operationssäle. Dabei seien die Vorteile offensichtlich: Die Präzision sei höher und die Heilungszeit kürzer. Der Unterschied zeige sich vor allem in den ersten Wochen. Der Patient könne früher an den Arbeitsplatz zurückkehren. Diesen volkswirtschaftlichen Effekt berücksichtige die Studie nicht, weil die Befragung erst drei Monate nach dem Eingriff durchgeführt wurde, kritisiert er. Ein weiterer Schwachpunkt der Studie: Der Roboterchirurg sei viel weniger erfahren gewesen als der klassisch arbeitende Kollege. Trotz der Technik bleibe das Handwerk entscheidend.

Kaum Blutverlust
Sulser demonstriert die Vorteile während einer Prostata-Entfernung. Der Bauch des Patienten ist mit Gas aufgeblasen. Das hat zwei Vorteile: Die Instrumente haben genügend Platz, und Blutungen werden unterdrückt. Nach zwei Stunden hat Sulser die Prostata erreicht und freigelegt. Nach vier Stunden wird sie über eines der kleinen Einschnittlöcher abgesaugt. Das Krebsgeschwür ist nur noch ein blutiger Klumpen in einem Glas. Sulser fragt seinen Assistenten, wie viel Blut der Patient verloren habe. Nur 1,3 Deziliter. Sulser ist zufrieden. Es ist seine Messgrösse für den Erfolg der Roboter.

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