Von Claudia Marinka

Wer spielt, bildet sich weiter. Kann das wirklich sein?, werden sich viele Eltern fragen. Margrit Stamm, Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Bern, ist in ihrer neuen Untersuchung «Frühförderung als Kinderspiel» der Frage nachgegangen. Die noch unveröffentlichten Studienergebnisse liefern eine neue Perspektive auf die gesellschaftspolitische Diskussion zur frühkindlichen Bildungsförderung und bringen sie in einen Zusammenhang mit dem freien Spielen. Die Kernaussage: Für die kindliche Entwicklung und Förderung ist das Spiel unabdingbar. Kinder können sich nur «bilden», wenn sie Gelegenheit zum Spielen bekommen.

«Anstatt im Freien zu spielen, besuchen Kinder heute Förderkurse in abgeschotteten Räumen wie etwa Turn- und Sporthallen», sagt Stamm. Dadurch würden Kinder nicht nur verlernen, sich selbst zu beschäftigen, sondern würden sich auch daran gewöhnen, dauernd überwacht und kontrolliert zu werden. Was der Eigenverantwortung nicht zuträglich ist. Zu den stärksten Spielhemmern in der Familie gehörten die durchgetakteten Wochenprogramme, die Risikoscheu der Eltern, aber auch die Sicherheitsbranche mit ihren Botschaften.

Zu ihren Befunden kommt Stamm auf der Basis ihrer beiden Studien FRANZ («Früher an die Bildung – erfolgreicher in die Zukunft?»), ergänzt mit Erkenntnissen aus der Kindergartenstudie PRINZ («best Practice in Kitas und Kindergärten»). Teilgenommen haben 303 Kinder zwischen drei und sechs Jahren und deren Eltern, ein Dutzend Kindertagesstätten und ein Dutzend Kindergärten. Die Erhebungen wurden von 2009 bis 2014 durchgeführt.

«Kinder lernen nahezu alles durch das Spiel. Unterstützen es die Eltern, die Fachkräfte in den Kitas und die Kindergartenlehrkräfte, dann führt es zu einer gesunden Entwicklung in allen wichtigen Bereichen, kognitiv, emotional, sozial, kreativ, motorisch, und wirkt überdies gesundheitsfördernd», sagt Stamm. Das freie Spiel sei das erste Werkzeug, mit dem Kinder ihre Interessen, ihre Ängste, Enttäuschungen und Sorgen verarbeiten könnten.

Sie hält es für bedenklich, dass das «Kind-initiierte Spiel» sowohl in der Familie als auch in vorschulischen Institutionen in Verruf geraten ist. Die Zeit für das freie Spiel sei in den letzten 15 Jahren um ein Drittel zurückgegangen. «Am augenfälligsten ist dabei, wie oft das Spiel mit Lernen kontrastiert oder lediglich als Vorstadium für das eigentliche Arbeiten bezeichnet wird. Zudem gilt es bei vielen Eltern als unbedeutender, trivialer Aktivitätstyp oder gar als reine Zeitverschwendung», konstatiert die emerierte Professorin der Universität Fribourg. Das führt sie unter anderem darauf zurück, dass sich die gesellschaftspolitische Debatte vor allem um Frühförderung und frühe Einschulung dreht. Kita und Kindergarten würden zunehmend als Orte zum Lernen und nicht zum Spielen angesehen.

Es seien, so Stamm, viele Angebote auf den Markt gekommen, welche den Eltern – aber auch dem pädagogischen Fachpersonal – weismachen wollten, dass man nie früh genug beginnen könne, dem Kind «spielerisch» erste Lese-, Mathematik-, und auch Fremdsprachenkenntnisse beizubringen. Hinzu komme eine zweite Tendenz: das Sicherheitsdenken der Eltern. Sie neigen dazu, ihre Kinder keine Sekunde aus dem Auge zu lassen – freies Spielen sehen sie als zu «gefährlich» an. Stamm: «Eine derart eingeschränkte Bewegungsfreiheit, die kontinuierliche Kontrolle durch Erwachsene und, damit verbunden, die mangelnde Anregung kreativer Fähigkeiten, führt dazu, dass es immer mehr spielunfähige Kinder gibt.» Paradox sei, dass diese oft aus wohlhabenden und bildungsbeflissenen Elternhäusern stammten.

Kleine Kinder spielen zu lassen, bedeute keinesfalls, sie sich selber zu überlassen, sagt Heidi Simoni, Institutsleiterin am Marie-Meierhofer-Institut für das Kind. Spielen brauche Freiräume – und Zeit. Wer nicht spielen dürfe, sei in der Entwicklung eingeschränkt, was Kreativität und Konzentrationsfähigkeit betreffe – solche Kinder seien weniger gut imstande, Pläne zu schmieden und umzusetzen. Selbstverständlich, ergänzt Simoni, würden Erzieherinnen und Kindergartenlehrpersonen den Wert des kindlichen Spiels kennen. Sie sähen sich jedoch dem Druck ausgesetzt, mit den Kindern «etwas Lehrreiches und Ernsthaftes» zu tun. Kleine Kinder könnten sich jedoch nicht in Lektionen und Kursen Wissen und Kompetenzen aneignen.

Von einer «Generalprobe fürs Leben, die im Spiel stattfinde», spricht Lehrer und Pädagoge Michael Miedaner. Das Spiel sei der Vorläufer des Denkens und Problemlösens. Das echte Spielen, nicht der frühe Unterricht, sollte der Schwerpunkt in allen Kindergärten und Vorschulen sein: «Je früher wir mit dem schulischen Lernen anfangen, desto weniger Gehirn haben wir zur Verfügung, um damit zu arbeiten. Nicht früher, sondern später ist besser. Dies widerspricht aber völlig der gängigen Norm, die sich weltweit ausbreitet.» Im freien Spiel erlerne man: Erkennen des Vergnügens, Aufbau von Regeln, Rollenübernahme, Dezentrierung, Beachtung der anderen Spieler, Kooperation.

Nicht nur im vorschulischen Alter ist freies Spielen für die Entwicklung zentral. «Es ist im gesamten Kinder-, aber auch im Jugendalter essenziell», sagt Hans-Ulrich Grunder, Co-Leiter Forschungs- und Studienzentrum für Pädagogik an der Universität Basel. Spielen bedeute immer auch «Arbeit». Im Spiel erfolge «beiläufiges Lernen», aber eben nicht zufälliges Lernen. «Grunder sagt: «Permanente Bespassung und pausenlose Förderung haben oft Zeitnot, Überforderung und Stress zur Folge.» Die Freizeit der Kinder sei bereits «hinreichend oder zu stark pädagogisiert», mehr für sie zu arrangieren, sei nicht zielführend.

Für Robert Schmuki, Direktor von Pro Juventute und selber lange in der Jugendarbeit im Bereich Spiel und Bewegung tätig, sieht es gleich. «Kinder der offenen Welt nicht auszusetzen, stiehlt ihnen körperlich wie geistig wichtigste Erfahrungen. Das kann man nicht von den Teletubbies lernen. Auf Bäume klettern muss man selbst.» In der Elternberatung von Pro Juventute fragten Eltern immer wieder, wieso der 15-Jährige so gar nichts mit sich anfangen könne. Schmuki sagt: «Wann hätte er denn lernen sollen, was er mit Freizeit machen soll, wenn er bis 12 jede freie Minute durchgeplant und animiert verbracht hat?»

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