Er sei «Sympathisant von GLP und FDP», sagt Patrick Feuz, Chefredaktor des «Bunds». Peter Jost, Chefredaktor der «Berner Zeitung», hält fest: «Ich bezeichne mich als liberal. Gefühlt – und von Smartvote bestätigt – ist die Übereinstimmung mit der FDP am grössten.» Und Christine Maier, Chefredaktorin des «SonntagsBlicks», betont, sie verstehe sich «als unabhängige Journalistin». Sie arbeite in einem Verlag, «in dem dies auch ausdrücklich gewünscht» sei. Dass Maier dies betont, entbehrt nicht einer gewissen Brisanz: Lange galten die Ringier-Produkte als links.

Die Chefredaktoren der Deutschschweizer Medien äussern sich in einer Umfrage der «Schweiz am Sonntag» erstmals relativ offen dazu, welcher Partei sie nahe stehen. Von 17 angefragten Chefredaktoren meldeten sich 12 mit zum Teil ausführlichen Stellungnahmen. Parteimitglied ist keiner der zwölf. Acht Chefredaktoren betonten ihre Unabhängigkeit. Drei verorten sich aber selbst parteipolitisch im Mitte-Rechts-Segment: Feuz, Jost und Norbert Neininger, Chefredaktor und Verleger der «Schaffhauser Nachrichten». Diese seien «traditionell dem Freisinn verpflichtet, aber nicht der FDP», sagt Neininger. «Wir sind Föderalisten, stehen für die Unabhängigkeit der Schweiz ein und für die Neutralität.» Bekannt ist zudem, dass Markus Somm, pointierter Chefredaktor der «Basler Zeitung» – zurzeit ferienabwesend – FDP-Mitglied ist.

Diese Aussagen verdeutlichen: Die Chefredaktoren in der Deutschschweiz sind bürgerlicher geworden. Res Strehle, amtierender Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», ist eine der wenigen Ausnahmen. Er wähle SP, Grüne und Grünliberale, sagte er an der Feier zu Ehren von Kurt Pelda, dem Schweizer Journalisten des Jahres 2014. Da er bald pensioniert werde, könne er das ja nun sagen. David Sieber, Chefredaktor der «Südostschweiz», bestätigt diese Beobachtung. Der Rechtsrutsch der Medien sei – aus seiner Sicht – «der Grund, weshalb ich als links gelte». Und er fügt augenzwinkernd hinzu: «Ich bin stehen geblieben.»

Gibt es generell einen Rechtsrutsch in den Medien? Mehrere Chefredaktoren sind dieser Meinung. «Der scharfe Wettbewerb und die sinkenden Auflagen tragen sicher nicht zum Gegenteil bei», sagt Tristan Brenn, Chefredaktor des SRF. Einen Rechtsrutsch sieht auch Sieber. «Aber schon seit rund 15 Jahren», sagt er. «Die Medien sind halt Opportunisten. Sie bewegen sich mit der Mehrheit. Man will ja nicht noch mehr Leser verlieren.» Eine Rolle dürften dabei die Online-Kommentare spielen, die das Denken vieler Medienmacher beeinflussen. Sie wissen: Die Themen, die online besonders viele und besonders heftige Leserreaktionen generieren, sind oft rechte. Einwanderung, Kriminalität, Sozialmissbrauch: Geschichten dazu sorgen zuverlässig für Klickzahlen.

Zum linksliberalen Mainstream, der jahrelang dominiert habe, «sind mittlerweile ein paar Nicht-links-Ausleger hinzugekommen», sagt Thomas Bornhauser, Chefredaktor der «Neuen Luzerner Zeitung». Und Christian Dorer, Chefredaktor der «Aargauer Zeitung»: «Ja, ich stelle eine leichte Tendenz in diese Richtung fest.» Vor allem gebe es wieder deutlich grössere Unterschiede, wie sich die einzelnen Titel in politischen Fragen positionierten. «Von wegen Einheitsbrei.» Im Vergleich zu vor zehn Jahren könne man «schon davon sprechen, dass die Tageszeitungen nach rechts gerutscht sind», hält auch Peter Jost von der «Berner Zeitung» fest.

Sorgen macht sich aufgrund dieser Entwicklung die SP. Sie muss zusehen, wie sich einst wohlgesinnte Medien von ihr emanzipieren oder gar wegbewegen. In der Partei denkt man dabei vor allem an den «Blick» unter Chefredaktor René Lüchinger. Als der «Blick» neulich den SP-Parteitag als «Gottesdienst» bezeichnete mit «null Spannung, null Emotion, null Problem», reagierte SP-Präsident Christian Levrat am nächsten Tag persönlich mit einem offenen Brief. Der Unmut beschränkt sich allerdings nicht auf das Ringier-Blatt. Auch mit dem Kurs des «Tages-Anzeigers» sind viele Sozialdemokraten unzufrieden, seit das Blatt in ihren Augen zu unkritisch über die SVP-Zuwanderungsinitiative berichtete. Und über die NZZ klagt Levrat gegenüber der «Schweiz am Sonntag», sie schreibe seit einiger Zeit «konsequent die bürgerliche Allianz hoch».

Verschiedene Chefredaktoren beobachten, dass die Politik in den Medien an Bedeutung gewinnt. «Natürlich ist die Repolitisierung im Gange», sagt Norbert Neininger. «Redaktionen haben immer eine Haltung und in jüngerer Zeit stehen sie auch wieder dazu. Dies unterscheidet uns von den Spass- und Beliebigkeitsplattformen im Internet.»

Parallel dazu denkt Neiniger zurzeit darüber nach, ob seine Zeitung die Tradition von Journalisten mit politischen Ämtern wieder aufnehmen soll. «Früher hatten wir National- und Ständeräte in der Redaktion. Das war bei uns üblich, später dann aber verpönt», sagt er. «Jetzt überdenken wir diese Frage gerade.» Auch in anderen Verlagshäusern war es lange Tradition, dass sich Journalisten politisch betätigten. Viele errangen dabei grossen Einfluss – so etwa Albert Oeri, der von 1925 bis 1949 die «Basler Nachrichten» führte und für die Liberalen im Nationalrat sass. Mit dem Niedergang der Parteipresse wurden auch die Journalisten in der Politik seltener.

In der Nationalratskandidatur des «Weltwoche»-Chefredaktors Roger Köppel sehen Beobachter ein Fanal. «Man kann sich fragen, ob die Zeit der Forumspresse zu Ende geht», sagt Dominique von Burg, Präsident des Schweizer Presserats. «Es spricht einiges dafür, dass wir in eine Phase eintreten, in der Zeitungen politisch profilierter auftreten.»

Bereits durchgeschlagen hat dies auf den journalistischen Nachwuchs. In den Redaktionen finden sich vielerorts wieder Medienschaffende, die eine politische Vorgeschichte haben oder aktive Parteimitglieder sind. «Es gibt heute unter jungen Journalisten wieder eine Annäherung zwischen Medien und Politik», sagt Luzia Tschirky vom Verein Junge Journalisten. «Wegen des Geldes wird heute kaum jemand Journalist. Die wirtschaftliche Krise der Medien hat zur Folge, dass Journalismus wieder vermehrt Leute anzieht, die aus ideellen Gründen in diese Branche wollen.» Sind es die Jungen, die die Medien zu ihren Wurzeln zurückführen? Zu ihren Parteiwurzeln?

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