Von Sarah Serafini

Die Frau legt einen Metallring nach dem anderen auf das Papier, zwölf Stück insgesamt. Danach wickelt sie die Ringe ein und stapelt sie auf die anderen, schon abgepackten. Sie ist Sozialhilfebezügerin und arbeitet seit ein paar Monaten bei der Dock Limmattal. Mit ihren zwölf Standorten ist die Dock Gruppe AG die grösste aller 400 Sozialfirmen der Schweiz.

In der aktuellen Debatte um die Sozialhilfe ärgern sich die einen über die hohen Kosten von Sozialhilfebezügern. Die anderen beklagen sich über den Boom der Sozialindustrie und über Sozialpädagogen, die zu viel verdienen. Verallgemeinerungen und die Vermischung von Fakten erschweren eine sachbezogene Diskussion. Darum fordert die Aargauer Ständerätin Pascale Bruderer mehr Transparenz. In Bezug auf die Kostenentwicklung der Sozialhilfe einerseits und über die Beauftragung von privaten Firmen andererseits.

Für die «Schweiz am Sonntag» legt die Dock jetzt sämtliche Geschäftszahlen offen. Im Jahr 2013 erwirtschaftete die Firma einen Ertrag von 26 Millionen Franken. Der Reingewinn lag bei 37 000 Franken. Die 54 regulären, fest angestellten Mitarbeiter erhalten bei der Dock einen durchschnittlichen Bruttolohn von 7200 Franken. Die fünf Mitglieder der Geschäftsleitung verdienen je 140 000 Franken im Jahr. Derzeit arbeiten 1255 Sozialhilfebezüger bei der Dock. Ihr Durchschnittslohn liegt bei 16 Franken pro Stunde. Alle haben ein Teilzeitpensum von 50 bis maximal 80 Prozent.

Lynn Blattmann und Daniela Merz, die Schwiegertochter von Alt-Bundesrat Merz, sind die Erfinderinnen des Dock-Modells. Vor 15 Jahren wurde die Dock- Gruppe als Tochterfirma der St. Galler Stiftung für Arbeit gegründet. Seit 2006 bauen Blattmann und Merz das Dock-Modell stetig aus. «Dass wir derart wachsen konnten, liegt auch daran, dass wir den Gemeinden die günstigste Arbeitsintegration anbieten können», sagt Lynn Blattmann. Während in anderen Sozialfirmen der Fokus auf die Betreuung gelegt wird, sollen die Sozialhilfebezüger bei der Dock vor allem eines können: arbeiten.

«Ich glaube, dass die Betreuung in der Arbeitsintegration überbewertet wird», sagt Lynn Blattmann. Ihre Funktion als Arbeitgeberin sieht sie als soziale Aufgabe. «Es ist menschenunwürdig, wenn jemand nicht arbeiten kann. Wir setzen uns dafür ein, möglichst vielen einen unbefristeten Arbeitsplatz zu bieten.»

Bei einem Pensum von 50 Prozent verdient die Frau, die Metallringe verpackt, monatlich 1126 Franken brutto. Die Lohnkosten stellt die Dock der Gemeinde Dietikon in Rechnung. Je höher der Lohn ausfällt, desto weniger Sozialhilfe erhält die Frau von der Gemeinde. Im Maximum haben Dock-Angestellte auf diese Weise Ende Monat 500 Franken mehr Geld zur Verfügung, als wenn sie nicht arbeiten und nur von der Sozialhilfe leben würden.

Für die Dock geht die Rechnung auf. Weil die Firma den Lohn ihrer Arbeitnehmer nicht selbst bezahlen muss, kann sie ins Ausland ausgelagerte Aufträge aus der Industrie zurück in die Schweiz holen. Das schafft Arbeitsplätze für die Sozialhilfebezüger. Der Erlös der Arbeiten fliesst in die Kassen der Dock. Damit deckt die Firma ihre Betriebs- und Infrastrukturkosten – und die Löhne der Geschäftsleitung.

Lynn Blattmann und Daniela Merz wollen mit ihrem Dock-Modell denjenigen einen möglichst normalen Arbeitsalltag geben, die es nicht mehr zurück in den richtigen, ersten Arbeitsmarkt schaffen. Die meisten Angestellten der Dock schaffen diesen Sprung nicht. Nur 15 bis 20 Prozent jährlich finden den Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt. Ein paar Sozialhilfebezüger arbeiten schon seit zehn Jahren bei der Dock. Für Daniela Merz ist das aber besser als nichts: «Der grösste Misserfolg ist, wenn diese Menschen aus allen Netzen rausfallen.»

Für die Gemeinden spielt es finanziell keine Rolle, ob die Sozialhilfebezüger bei der Dock arbeiten oder nicht. Die Kosten bleiben dieselben, nur dass die Bezüger ihre Sozialhilfe bei der Dock selbst erarbeiten. Diese wird ihnen dann als «Lohn» ausbezahlt. Dies ist für Merz ein wichtiger Punkt. Sie sagt: «Die Gemeinde soll nicht fragen müssen, wie viel die Arbeitsintegration bei uns kostet.»

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