Erdas Sen stand in seinem Schuhgeschäft in Horgen ZH, als er die Nachricht am Radio hörte. «Verwandte von syrischen Staatsangehörigen in der Schweiz können leichter einreisen», sagte der Sprecher. Den gleichen Titel hatte das Bundesamt für Migration über die entsprechende Mitteilung gesetzt, die kurz zuvor an die Medien gegangen war. Es war der 4. September 2013.

Die Weisung aus Bern, von Justizministerin Simonetta Sommaruga persönlich angeordnet, war eine Reaktion auf die dramatische Lage in Syrien. Um ein Zeichen gegen die Flüchtlingskatastrophe zu setzen, erleichterte der Bund umgehend die Einreise von Syrern. Damit sie ein Besuchervisum erhielten, mussten Flüchtlinge nur noch zwei Dinge vorweisen: ein Einladungsschreiben der syrischen Verwandten in der Schweiz sowie einen plausiblen Nachweis, dass es sich dabei tatsächlich um Verwandte handelte.

Erdas Sen dachte, es würde der Ausweg für seine Familie. Der 50-Jährige ist mit einer Syrerin verheiratet. Ihre Eltern und fünf Geschwister lebten gemeinsam mit der Tante in einem Haus in Qamishli, einer Stadt im Norden Syriens, an der Grenze zur Türkei. Sie sind Christen in einem Gebiet, in dem auch viele Kurden leben. Sens Frau erzählte den Eltern von der unerhofften Möglichkeit, die sich bot. Sollten sie ihre Heimat verlassen? Die Familie zögerte.

Sens Schwiegervater, ein 80-jähriger Mann, führte mit zwei Söhnen einen Stoffladen. Der dritte Sohn hatte soeben eine Zahnarztpraxis eröffnet. Lange war die Gegend vom Konflikt verschont geblieben, doch im Spätsommer rückten die Kämpfe näher. Inzwischen haben sie Qamishli endgültig erreicht. Erst vergangene Woche riss ein Selbstmordanschlag vor einem Regierungsgebäude im Stadtzentrum fünf Menschen in den Tod.

Die Familie entschied, bei der Schweizer Botschaft im benachbarten Libanon ein Besuchervisum für die Schweiz zu beantragen. Dort beschied man ihr, die Wartezeit sei lange, ein Termin sei erst am 18. Dezember möglich. Die Familie akzeptierte. Doch nun stand sie vor dem Problem, die mehrere tausend Dollar teure Reise in die Schweiz zu finanzieren.

Die Familie brachte das Geld zusammen, indem sie ihre Lebensgrundlage verkaufte. Den Stoffladen, den Sens Schwiegervater seit Jahrzehnten geführt hatte. Und auch die Zahnarztpraxis des Sohnes. Viel erhielten sie dafür nicht. «Im Krieg ist alles nichts mehr wert», sagt Yussuf, der Zahnarzt, am Telefon. Verkaufen wollten sie auch das Haus, in dem sie wohnten. Als niemand dafür bezahlen wollte, entschieden sie, es Bekannten zu überlassen. Die Familie war dabei, ihre Brücken abzubrechen – weil sie die Aussicht hatte, in der Schweiz unterzukommen.

Dann erfolgte in Bern die Kehrtwende. Am 4. November hob das Bundesamt für Migration (BfM) die Visaerleichterungen wieder auf – der Andrang war zu gross. Die 5000 noch hängigen Gesuche von Flüchtlingen, die sich – wie Erdas Sens Familie – bereits für ein Visum angemeldet hatten, will das BfM zwar noch behandeln, allerdings nach einem verschärften Verfahren. Anders als noch im September soll dabei die finanzielle Situation der Verwandten in der Schweiz geprüft werden: Sie müssen nachweislich für die Unterbringung aufkommen können – eine hohe Hürde.

Als Erdas Sen von der Verschärfung erfuhr, war er bestürzt – und die Familie in Syrien beunruhigt. Was sollten sie tun? Den Termin auf der Schweizer Botschaft in Beirut hatten sie bereits. Sie entschlossen sich, die Reise anzutreten. Über Damaskus gelangten sie auf dem Landweg nach Beirut. Die Route wird von Regierungstruppen kontrolliert, die Reisenden an Strassensperren alle paar Kilometer Geld abknöpfen. 4000 Dollar hätten sie allein dafür aufbringen müssen, sagt Yussuf.

Am vergangenen Montag traf die Familie in Beirut ein. Auf der Schweizer Botschaft nahm man ihr Gesuch entgegen. «Sie sagten uns, es könnte Monate dauern, bis wir einen Bescheid erhalten», sagt Yussuf. In Beirut kam die Familie nach langem Suchen in einer überteuerten Unterkunft am Stadtrand unter.

Einfach war das nicht: Über 800 000 Syrer sind seit 2012 offiziell in den kleinen Libanon geflüchtet, Hilfsorganisationen gehen jedoch von einer noch grösseren Zahl aus. «Wo wir hinsollen, wenn uns bald das Geld ausgeht, weiss ich nicht», sagt Yussuf. «Wir sind verzweifelt.» Er steht in Kontakt mit einer anderen Familie, die sich in einer ähnlichen Lage befindet.

In der Schweiz hätte Yussufs Schwager Erdas Sen, der seit 1982 hier lebt, von Schweizer Freunden die Zusage, einen Teil der Familie in ihrem Ferienhaus in der Innerschweiz aufzunehmen. Andere Syrer hätten ebenfalls ihre Hilfe angeboten, sagt Sen. Dennoch könne er kaum für längere Zeit für die ganze Familie aufkommen. Die Schweiz habe seiner Familie falsche Hoffnungen gemacht, sagt Sen: «Wenn sie gewusst hätten, in welche Lage sie da geraten, hätten sie Syrien gar nie verlassen. Für uns Christen ist der Krieg besonders schwierig. Dass die Schweiz die Aufnahme von Flüchtlingen gestoppt hat, ist schlimm.»

Der Bund rechtfertigt die Aufhebung der Visaerleichterungen damit, dass in den ersten Monaten bereits die meisten Personen von der Möglichkeit einer erleichterten Einreise Gebrauch gemacht hätten. 1600 Visa seien ausgestellt worden. «Es war aber nie die Rede von einer bedingungslosen Einreise in die Schweiz», schreibt das BfM. «Es galt, gewisse Bereiche des Visaverfahrens zu vereinfachen und zu beschleunigen.»

Die Massnahme sei zudem von Beginn weg befristet gewesen: «Auf Dauer wäre es nicht zu rechtfertigen, Menschen aus Syrien anders zu behandeln als Menschen aus anderen Bürgerkriegen, wie etwa in Somalia.» Eine kleine Chance bleibt Sens Verwandten noch: In individuellen Härtefällen, schreibt das BfM, sei man bemüht, «einzelfallgerechte Lösungen» zu finden.

Darauf verlassen will sich Erdas Sen jedoch nicht. Der 50-Jährige Schuhmacher, der seit einigen Jahren Mitglied der SP in seinem Wohnort Horgen ist, will seiner Parteigenossin Simonetta Sommaruga einen Brief schreiben. Ihm sei klar, dass die Schweiz nicht die halbe Welt aufnehmen könne, doch für einige tausend Syrer sei doch Platz. «Ich möchte Frau Sommaruga sagen, wie das ist, wenn man zuerst Hoffnung fasst, die dann zerschlagen wird.»

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