Sogar der Fussball-Papst applaudiert Abt Werlen

Vom Politiker bis zum Fifa-Präsidenten: Katholiken aus der ganzen Schweiz stellen sich hinter Werlens Plädoyer für eine Öffnung der Kirche – und auch ein Bischof dankt ihm.

Der Abt des Klosters Einsiedeln hat einen Nerv getroffen. Mehr als tausend E-Mails und über hundert Briefe sind bei ihm in den vergangenen Tagen eingegangen. Es sind Zusprüche für seinen flammenden Appell zur Öffnung der Kirche, den «Der Sonntag» vergangene Woche in Auszügen publiziert hatte.

Nun nehmen prominente Katholiken auch öffentlich Stellung zugunsten von Martin Werlen – viele verbinden dies mit einem Appell an die Bischöfe, den Schwung zu nutzen. Fifa-Präsident Sepp Blatter sagt: «Keine Frage, dass Abt Werlen recht hat.» Der Theologe Hans Küng «bewundert seinen Mut». Und CVP-Präsident Christophe Darbellay pflichtet Werlen bei: «So stelle ich mir die Kirche des 21. Jahrhunderts vor.»

Aufhorchen lässt das Statement von Markus Büchel, Bischof in St. Gallen und künftiger Präsident der Schweizer Bischofskonferenz. Abt Martin Werlen nehme drängende Fragen der Gläubigen auf, benenne die Probleme deutlich und denke Lösungen an, sagt er. «Dies ist ein Anstoss für eine notwendige Diskussion in der Kirche, die mir ebenfalls ein grosses Anliegen ist. Deshalb bin ich ihm dankbar.» Damit äussert erstmals ein Bischof indirekt Kritik am Zölibat und der Rolle der Frau in der Kirche.

Die Resonanz zeigt sich auch darin, dass die Broschüre «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken» schnell vergriffen war. Mittlerweile ist bereits die 3. Auflage im Druck. «Die Glut ist da», sagt Abt Martin über das grosse Echo. «Bei Menschen aus verschiedenen Generationen ist ein Aufatmen spürbar.»

Noch nie hat ein offizieller Vertreter der Schweizer Bischofskonferenz so pointiert an konservativen Tabus wie dem Zölibat gerüttelt. Seine Worte sorgen über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen. Medien in Frankreich und Österreich berichten über den Abt aus Einsiedeln. Das ORF hat Werlen sogar zum Interview gebeten. Er gilt nun als einer der liberalen Vordenker der katholischen Kirche in Europa.

Schon länger macht sich Werlen Gedanken über die Verkrustung der katholischen Kirche. Dass seine Worte nun so deutlich ausgefallen sind, hat auch mit einem Sportunfall im vergangenen Januar zu tun, bei dem er eine schwere Kopfverletzung erlitt. Wochenlang wurde Werlen im Spital behandelt. «Die Erfahrungen meines Unfalls haben mich in meinen Gedanken, die nicht neu sind, bestärkt.»

Doch das passt nicht allen. Auf konservativen Religionsforen wie «kath.net» wird Werlen «Schwachsinn» und «Effekthascherei» vorgeworfen. Andere machen gar pietätlos die erlittene Kopfverletzung für seine Aussagen verantwortlich.

Werlen lässt sich davon nicht beirren. Er gebe sich Mühe, möglichst keinen Schwachsinn zu verbreiten oder einfach Effekte zu erzielen. «Es geht um unendlich Wichtigeres.» Ihn freue es, wenn sich sogar in diesen Foren einzelne Teilnehmende trauten, differenziertere Stellungnahmen abzugeben. Die Menschen sollten den Text zuerst lesen, bevor man den Autor gnadenlos verurteile.

Die Mehrheit der Katholiken stünde aber hinter Werlen, ist Religionsexpertin und Publizistin Klara Obermüller überzeugt. Abt Martin nehme die Kritiken ernst und erkenne den dringenden Reformbedarf der Kirche, die sich immer weiter von der Basis entferne. «Nun sollten aber auch die übrigen Bischöfe den Mut haben, Farbe zu bekennen, und ihn nicht im Regen stehen lassen.»

Abt Martin Werlens Manifest ist auf www.sonntagonline.ch abrufbar: http://www.sonntagonline.ch/ressort/aktuell/2608/

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