Zürich stinkt wieder. Nach Urin, Erbrochenem und manchenorts auch nach Blut. Es ist das Wochenende der Street Parade, Hunderttausende Jugendliche ziehen durch die Stadt. Ihre Exzesse geben ein Sinnbild ab für eine Jugend im Konsumrausch zwischen Alkohol, Drogen und unverbindlichem Sex. Jeder zehnte 13-jährige und jeder vierte 15-jährige Junge trinkt hierzulande wöchentlich Alkohol. Als Hauptgrund für ihren Konsum geben die Jugendlichen in einer neuen Studie von Sucht Schweiz «soziale» Motive an: Eine Party geniessen, lustig und gesellig sein. Immerhin: Gruppendruck sei kaum Grund für ihr Trinken, sagen die Befragten. Die Schweizer Jugend – eine Ansammlung selbstbewusster, nur allzu gern alkoholisierter Hedonisten?

Es ist ein vertrautes Bild für Medienkonsumenten, aber es ist falsch. Denn hinter den Schlagzeilen, die von minderjährigen Totschlägern und milchgesichtigen Komasäufern erzählen, sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Die heutige Jugend ist brav wie keine Generation vor ihr. Die Kinder der 90er- und Nuller-Jahre arbeiten viel und delinquieren wenig, auf Revolution haben sie keine Lust. Von der möglichen Entwicklung zu einem «wieder verspiesserten Mitteleuropa» und einer «neokonservativen Jugend» spricht Ernest Albert, Soziologe an der Universität Zürich. «In ihr steckt ein Stück legitime Rebellion gegen die unablässige Forderung nach Innovationen der vergangenen Jahrzehnte.»

Seit 2002 nimmt die Häufigkeit des Alkoholkonsums bei 15-Jährigen ab. Das belegen Daten der internationalen HBSC-Studie. In der letzten Befragungsrunde im Jahr 2010 gab etwa jeder vierte 15-jährige Schüler und jede achte 15-jährige Schülerin an, wöchentlich Alkohol zu trinken. Noch 2002 waren es etwa jeder dritte bzw. jede fünfte gewesen.

Moderateres Trinkverhalten allein macht noch keine Bünzli-Jugend. «Trink-Exzesse beinhalten den letztlich konservativen Entscheid, wenn schon, dann mithilfe unseres kulturell etabliertesten Rauschmittels über die Stränge zu schlagen», sagt Soziologe Albert. Doch die Schweizer Jugend tritt nicht nur beim Alkohol auf die Bremse.

Noch 2 von 1000 Frauen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren jährlich bringen ein Kind zur Welt, die Zahl der Teenager-Schwangerschaften hat damit ein Allzeittief erreicht. Kein Wunder: Nicht einmal auf Sex hat die neue Generation Lust. Die Anzahl sexuell aktiver 17-Jähriger erreichte 2011 mit 59,8 Prozent bei den Männern und 49,6 Prozent bei den Frauen ihren tiefsten Stand seit 1997.

In der Schule werden die Jugendlichen immer ehrgeiziger. Ein Prozent aller Schüler muss heute in der Primarschule eine Klasse wiederholen – halb so viele wie vor 15 Jahren. Mehr als die Hälfte der jungen Menschen bildet sich auch nach der Sekundarschule oder dem Gymnasium weiter – an einer Universität, Fachhochschule oder höheren Fachschule. In acht Jahren hat dieser Anteil um 10 Prozent zugenommen. Der schulische Erfolg wird für eine neue Generation ehrgeiziger Jungen immer wichtiger – und absorbiert einen Grossteil ihrer Energie.

Die Schweiz ist kein Einzelfall. Eine «hart arbeitende, puritanische Generation» diagnostizierte der britische «Economist» unlängst – und lieferte eine Begründung: Wer heute jung sei, lerne eine Welt kennen, in der Geschlechtergleichheit so ausgeprägt sei wie kaum zuvor. «Asozialer Teenager-Machismo» bringt Junge nicht voran, schulische Leistung umso mehr. Sogar die Wochenenden werden so ruhiger.

Das Ausgangsverhalten habe sich seiner Beobachtung nach geändert, sagt Olivier Mächler von der Zürcher Bar­&-Club-Kommission BCK: «Die jüngere Generation geht weniger in die Clubs, sondern gestaltet ihren Abend im Freien oder bei Freunden zu Hause.»

Kinder von heute bilden aber auch die Generation Wohlbehütet. Ihre Eltern sind älter als je zuvor – und nehmen sich viel Zeit für ihren Nachwuchs. Mütter, so zeigen Zahlen des Bundes, wenden heute 7,9 Stunden pro Woche mehr für die Betreuung ihrer Familie auf als noch 1997, bei den Vätern sind es 4,5 Stunden zusätzlich. Zudem wachsen Kinder heute in die multikulturellste Gesellschaft hinein, die dieses Land je gesehen hat. Daraus erwächst, diagnostiziert der «Economist», eine Generation, die anderen Ethnien und sexuellen Ausrichtungen so vorurteilsfrei gegenübertritt wie keine zuvor.

Die brave Jugend – eine Spätfolge der 68er, ein Resultat aus Elternfürsorge, Multikulturalität und Gleichheit? Der Schein trügt. «Die so befreiungsbestrebte 68er-Generation hat dieser Jugend auch eine Welt hinterlassen, in der ausgerechnet die Möglichkeiten zur Kontrolle von Konformität viel leistungsfähiger geworden sind», sagt Soziologe Albert.

Informationstechnik, Psychotests, Forensik: «Eine Welt voller Kameras und ausspionierbarer persönlicher Daten schafft ständig Anreize, sich möglichst brav zu verhalten.» Ähnliches ergebe sich aus dem ökonomischen Zwang vieler, lange im «Hotel Mama» zu verbleiben. Nachfolgende Generationen müssten eine Chance bekommen, Freiheit in einem umfassenden Sinn wiederzuentdecken. «Sonst», so sagt es der Soziologe, «wird unsere Vorstellung, eine freie westliche Welt zu bewohnen, einfach zu einem schlechten Witz.»

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