Schlechte Betreuung, volle Hörsäle und Bologna-Stress – für Studenten gibt es bekanntermassen tausend Gründe, über ihre Hochschule zu schimpfen. Doch nirgends ärgern sich Studierende öfter als an der Universität Zürich.

Dies geht aus einer diese Woche veröffentlichten Umfrage der Schweizer Rektorenkonferenz hervor. 6800 Studenten nahmen teil. Wie glücklich die Lernenden sind, hängt demnach stark von der Universität ab.

Obwohl die Mehrheit der Befragten angibt, zufrieden mit ihrem Studium zu sein, sind die Unterschiede zwischen den Hochschulen gross. Besonders Zürcher Studenten kritisieren ihre Universität, gefolgt von ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen in Bern und Basel. Hingegen sind Studierende der ETH Lausanne fast ausnahmslos zufrieden (87%). Auch die St. Galler an der HSG fühlen sich offenbar äusserst wohl (82%).

«Dieses Ergebnis ist Ansporn für uns», sagt Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich. Für ihn liegen die Gründe vor allem im Betreuungsverhältnis. Beliebte Fächer wie Psychologie, Publizistik oder Rechtswissenschaften werden regelrecht überrannt. Das erschwert den persönlichen Austausch mit den Dozierenden. Hengartner will deshalb künftig mehr studentische Hilfskräfte für Pflichtvorlesungen und Seminare gewinnen. Besonders Studienanfänger würden von dieser Betreuung profitieren, sagt er. Weitere Massnahmen sollen folgen, sobald die Ergebnisse im Detail vorliegen.

Doch die mangelnde Betreuung ist nicht die einzige Ursache für das schwache Abschneiden der grossen Universitäten wie Zürich, Bern und Basel. Sie locken Studenten aller Fachrichtungen an und fokussieren die Studiengänge weniger auf den Arbeitsmarkt als die HSG (Wirtschaftswissenschaften) oder die technischen Hochschulen (ETH Zürich und ETH Lausanne). Studenten der technischen Wissenschaften sind nach eigenen Angaben viel zufriedener als Geisteswissenschafter. Darin sieht Patrick Aebischer, Rektor der ETH Lausanne, einen grossen Vorteil.

Berufsgruppen wie Ingenieure oder Maschinenbauer seien auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt, sagt er. Die besten Botschafter blieben aber ihre eigenen Absolventen. Die Mundpropaganda sei entscheidend, um die weltweit besten Studenten in die Schweiz zu locken – und Mundpropaganda sei an der ETH Lausanne besonders ausgeprägt.

Die Studenten selbst geben andere Probleme an. Sie hecheln Bachelor-Scheinen hinterher wie Hausfrauen Cumulus-Punkten. Gleichzeitig arbeiten drei Viertel neben ihrem Studium als Kellner, Verkäufer oder Nachhilfelehrer. Wenn sie Studium und Job nicht unter einen Hut bekommen, steigt die Unzufriedenheit stark an. Nur die Hälfte ist in dieser Situation noch gut auf ihre Universität zu sprechen.

Darauf reagieren nun die Rektoren und führen eine neue Form des Studiums ein: das Teilzeitstudium. In ihrem Schlussbericht zur Bologna-Reform fordern die Rektoren flexible Vorlesungen, Seminare und Studiengänge. «Wir wollen den Bedürfnissen der Studenten entgegenkommen», sagt der Präsident der Schweizer Rektorenkonferenz, Antonio Loprieno. «Die meisten Studierenden haben heute einen Nebenjob, ohne den sie nicht über die Runden kommen», sagt er. Auch wenn ein Vollzeitstudium die Regel bleiben soll, wollen die Rektoren folgende Neuerungen einführen:

> Die maximale Studiendauer wird ausgedehnt: Studenten müssen mindestens doppelt so lange Zeit haben, ihr Studium abzuschliessen, wie es die Richtdauer von 10 Semestern vorsieht.

> Das Angebot wird grösser: Obligatorische Lehrveranstaltungen werden wenn möglich jedes Semester angeboten. Mindestens aber einmal pro Jahr. Gleichzeitig wird das Vorlesungsangebot erweitert.

> Die Präsenzlisten werden abschafft: Wenn Studierende ihre Fähigkeiten durch Referate und Prüfungen nachweisen können, ist eine Anwesenheitspflicht nicht mehr nötig.

> Es werden mehr Online-Vorlesungen und Podcasts abgehalten: Aufgezeichnete Vorlesungen ermöglichen es den Studierenden, Verpasstes später nachzuholen.

«Ein Teilzeitstudium bleibt ein Seiltanz», sagt Loprieno. Unter der gestiegenen Flexibilität dürfe die Qualität des Studiums nicht leiden. Er bleibt aber zuversichtlich. «In den kommenden Jahren werden sämtliche Universitäten das Teilzeitstudium institutionalisieren.»

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