Von der Schulbank direkt in den Uni-Vorlesungssaal – das wollte Noemi nicht. «Ich treibe gerne Sport, am liebsten in der Natur», sagt die 19-Jährige aus Basel. Also hat sie ein Zwischenjahr eingelegt und arbeitet seit elf Wochen als Skilehrerin in Gstaad im Berner Oberland. «Ich lerne viele Leute von überall auf der Welt kennen und kann nicht nur meine Ski-, sondern auch Sprachkenntnisse verbessern», sagt sie.

Noemi durchlief sämtliche Ski-schulstufen. Ihr Fahrniveau ist gut. Trotzdem absolvierte sie vor Saisonbeginn noch einen einwöchigen Kinder-Skilehrer-Kurs. «Ich lernte einiges dazu und verdiene dadurch etwas besser.» Meist unterrichtet Noemi Kindergruppen. Manchmal gibt sie auch Privatlektionen. Stundenlohn je nach Saison: zwischen 39 und 41 Franken. «Für mich stimmt es. Gerne würde ich auch nächstes Jahr während der Semesterferien wieder kommen.»

Der Dachverband der Schweizer Skischulen, Swiss Snowsports, setzt künftig auf junge Aktivsportler wie Noemi. So hat dessen Direktor Riet Campell ein Konzept «Vom Gast zum Skilehrer» ausgearbeitet. Die Idee: langjährige Feriengäste für den Beruf motivieren. «Es gibt viele Jugendliche aus dem Unterland, die etliche Skischulklassen absolviert haben und nun das Gelernte weitergeben wollen», sagt Campell.

Der Skilehrer-Beruf ist im Wandel. Früher haben mehrheitlich einheimische Bauern und Handwerker den Gästen das Skifahren beigebracht. Doch viele von ihnen haben heute grössere Betriebe und sind dort auch im Winter eingespannt. «Deshalb müssen wir neuen Nachwuchs finden», sagt Campell. Junge Gäste seien dafür perfekt geeignet. Nicht nur, weil sie die Pisten kennen und oftmals eine Ferienwohnung zum Übernachten hätten, sondern weil sie den Saisonjob mit einer Ausbildung kombinieren können. «Meist unterrichten sie eine volle Saison und kommen später noch ein paar Wochen in der Hauptsaison hoch. Das stimmt für alle», sagt Campell.

Angehende Skilehrer müssen mindestens 17 Jahre alt sein. Zudem sollten sie mindestens die Kinderskilehrer-Ausbildung abgeschlossen haben. Wer will, kann sich danach noch zum Aspiranten, Instruktor oder Swiss Snow Pro weiterbilden. Der Vorteil: je höher die Ausbildung, desto niveaustärker die zu unterrichtenden Klassen und desto höher der Lohn. Dieser variiert zwischen 30 und 70 Franken pro Stunde. Und auch regional gibt es Unterschiede.

Bereits heute machen Studenten einen markanten Teil der Skilehrer aus. So auch in der Skischule Hasliberg BE. «Wir machen sehr gute Erfahrungen mit ehemaligen Gästen, die nun unterrichten», sagt Skischulleiter Heinz Anderegg. Oft würden sie mehrere Sprachen sprechen und seien sehr motiviert.

Rund 25 Prozent der Mitarbeiter seien in der Skischule Hasliberg Studenten oder ehemalige Gäste, sagt Anderegg. Besteht das Risiko, dass die Skischulen künftig zu wenig hochqualifizierte Lehrer haben? Nein, sagt Anderegg. «Auch unter den Studenten gibt es immer ein paar, die sich weiterbilden wollen.» Wegen der Fluktuation benötigt eine Schule mit 50 Lehrern jährlich rund fünf neue Kinderkursleiter und zwei neue Lehrer mit einer höheren Ausbildung.

Campell ist von seinem Konzept überzeugt: «Unterrichten Gäste als Skilehrer, überwiegen die Vorteile, auch für die Berggebiete.» Er geht deshalb noch einen Schritt weiter: «Das Modell der Integration von Gästen könnte man auch in der Hotellerie oder bei den Bergbahnen einsetzen.»

Bei Noemi hat dies funktioniert. Sie fühlt sich in Gstaad aufgenommen. «Die Tage sind streng, doch ich bin sehr zufrieden», sagt sie. Noch rund zwei Wochen ist sie auf den Pisten. Ab Herbst heisst es wieder: Auf der Bank sitzen und büffeln. Dann beginnt das Medizin-Studium.

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