Die Schüler der Zürcher Kantonsschule Rämibühl sind empört. Sie stossen sich daran, wie die Staatsanwältin und mehrere Politiker mit ihrem ehemaligen Deutschlehrer umgegangen sind.

«Unser Deutschunterricht hatte nichts mit ‹Massage› und ‹Pornografie› zu tun», schreiben vier Schülerinnen und Schüler in einem Leserbrief im gestrigen «Tages-Anzeiger». «Wieso hat die Staatsanwältin nicht uns gefragt? Wir hätten ihr sehr gerne Auskunft gegeben, genauso wie den Herren und Damen im Kantonsrat.» Die Sorgfaltspflicht sei bei den «so genannten Ermittlungen» klar missachtet worden.

Im Oktober stand der 48-jährige Deutschlehrer vor Gericht, weil er im Unterricht Literatur las, wie «Warum das Kind in der Polenta kocht» von Aglaja Veteranyi oder «Frühlingserwachen» von Frank Wendekind. Der Knackpunkt: Die Werke beschreiben sexuelle Handlungen, wie den Missbrauch eines Mädchens oder Sex mit einem Hund. Die Mutter einer Schülerin zeigte den Lehrer daraufhin an. Er hätte seine Schüler irritierend oft mit Sexualität konfrontiert, denn auch in den Prüfungen wurden nach diesen Passagen gefragt.

«Meines Erachtens hat sich niemand im Unterricht unwohl gefühlt», sagt Leserbrief-Mitverfasser Doré de Morsier auf Anfrage. «Er war ein super Lehrer und wir hätten ihn gerne zurück.» Der ganze Fall sei in der Öffentlichkeit falsch dargestellt worden, sagt er weiter. Deshalb hätten sie sich jetzt zu Wort gemeldet.

Weil sich nun viele Deutschlehrer fragen, ob plötzlich die Polizei vor der Tür stehen kann, schilderte diese Woche der Rektor der Kantonsschule Rämibühl den Fall an der Schulleiterkonferenz des Kantons Zürich. Er habe dies auf Wunsch mehrerer Schulleiter gemacht, sagt Christoph Baumgartner. So könnten seine Kollegen auf die aufkommenden Fragen fundiert Auskunft geben, denn der Fall wird an den Mittelschulen heiss diskutiert. Bedenken wegen des Vorgehens der Polizei blieben unter den Rektoren weiter bestehen. Die Beamten haben unangekündigt die Schule aufgesucht und den Spind des Lehrers durchsucht.

Zusätzliche Brisanz bringt eine Anfrage im Zürcher Kantonsrat. Eingereicht wurde sie diese Woche von Stefan Dollenmeier (EDU). Mitunterzeichnet haben Politiker von SVP, FDP, SP und EVP. Darin stellt Dollenmeier unter anderem die Frage, wie die Bildungsdirektion zur Behandlung von «harten pornografischen Werken» in der Schule stehe. Gewisse Szenen, wie Sex mit einem Hund, müssten ganz verboten werden, sagt er. Diese Art von Literatur habe an einer Mittelschule nichts zu suchen.

Für Gymilehrer und SVP-Nationalrat Oskar Freysinger ist dies eine «Hinterwäldler-Diskussion». «Das ist ja die Höhe. Sollen wir jetzt die Weltliteratur verbieten? Das ist doch hirnrissig», ärgert er sich. Schliesslich sei das Thema Sexualität in diesen Werken in eine Geschichte eingebunden und stünde nicht für sich alleine. Viel schlimmer sei heutzutage, wie schnell Jugendliche über Internet oder Handy Zugang zu harten Pornos hätten.

Ähnlich sieht dies Rektor Christoph Baumgartner. «Ich hoffe, dass sich die Stimme der Vernunft durchsetzen wird», sagt er. Gerade das Gymnasium sei ein guter Rahmen, um mit Jugendlichen über heikle Themen zu sprechen.

Das Gericht sprach den 48-jährigen Deutschlehrer vom Hauptvorwurf frei, er habe seine Drittklässler im Alter von 14 bis 15 Jahre übermässig mit pornografischen Inhalten konfrontiert. Bei den Werken handle es sich nicht um Pornografie, sondern um Literatur. In einem Nebenpunkt wurde der Pädagoge aber schuldig gesprochen. Auf seinem privaten Computer fanden die Beamten Aktbilder von minderjährigen Mädchen und Knaben. Der Lehrer berief sich vergeblich auf künstlerische Motive.

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