Gern ist Sepp Blatter am Samstagmorgen in sein Fifa-Büro gefahren, das er «meine Stube» nannte, um zu arbeiten – bevor er dann, meist mit dem Zug, nach Visp ins Wochenende fuhr. Gestern war alles anders: Sein Büro darf er nicht mehr betreten, und sogar sein Fifa-Mail wurde gesperrt. Um zwölf Uhr sitzt Blatter (79) in seiner Zürcher Wohnung und trinkt mit Tochter Corinne ein Glas Wein. Blatter hat eine schwarze Woche hinter sich, doch «er ist guten Mutes», sagt seine Tochter, die aus dem Wallis angereist ist. Die Unterstützung durch die Familie ist nun besonders wichtig: Am Freitag besuchte ihn seine Partnerin Linda Gabrielian (51).

Sepp Blatter selbst sagt: «Mir geht es gut und ich fühle mich gut.» Und er betont: «Mich kann man zerstören – aber mein Lebenswerk kann man nicht zerstören.» Mehr darf er nicht sagen, denn das Ethikkomitee hat ihm verboten, über die Fifa zu sprechen. So bleibt nur, seine Aussage quasi biblisch zu interpretieren. Ganz offensichtlich glaubt Blatter daran, dass die von ihm seit 1998 als Fifa-Präsident geprägte Organisation so erhalten bleiben wird. Aufgeben will er nicht: «Ich bin ein Kämpfer», sagt er. Vertraute und Fifa-Kenner wie Nationalrat Andreas Gross gehen davon aus, dass Blatter nach der Suspendierung noch einmal auf den Fifa-Thron steigen wird.

Auch Fussballlegende Köbi Kuhn hält zu seinem langjährigen Freund: «Wir leben in einer Zeit ohne grosse Dankbarkeit», sagt er. «Sepp hat viel Gutes getan für die Entwicklung des Fussballs in allen Kontinenten.» Ob sich der suspendierte Fifa-Präsident etwas zuschulden hat kommen lassen, weiss der ehemalige Nati-Trainer nicht. «Ich hoffe, er ist nicht der Betrüger – sondern der Betrogene.»

Am Donnerstag stellte die Fifa-Ethikkommission die beiden mächtigsten Männer des Weltfussballs kalt: Blatter und Uefa-Präsident Michel Platini wurden provisorisch für 90 Tage gesperrt. Grund ist eine umstrittene Zwei-Millionen-Zahlung, die Blatter 2011 an Platini überwies. Stundenlang wurden beide am 1. Oktober von der Kommission befragt. Aus Fifa-Kreisen heisst es, dass weder Blatter noch Platini entlastende Argumente liefern konnten. Beide haben Einspruch eingelegt. Doch die Intimfeinde dürften dasselbe Schicksal erleiden: Auf Korruption steht eine lebenslange Sperre.

Dabei wähnte sich Platini bis zuletzt als der neue starke Mann, wie eine Begegnung Ende Mai verdeutlicht. In einer Mischung aus Napoleon und Gérard Depardieu drängte der Franzose den Walliser zum Rücktritt. Blatter beschrieb die Situation später so: «Er bat mich um ein persönliches Gespräch. Also gingen wir in mein Büro. Er zog sein Jackett aus, streckte sich gemütlich aus und sagte: ‹Lass uns einen guten Whisky unter Freunden trinken›. Ich erwiderte: Nein, keinen Whisky, aber ich höre dir zu. Und dann meinte er allen Ernstes: ‹Sepp, du machst den Kongress und am Schluss gibst du bekannt, dass du zurücktrittst. Du bekommst ein gigantisches Fest und dein Büro hier kannst du behalten.›»

Es kam anders. Feste feiert der Weltverband lange nicht mehr. Das Chefbüro am Zürichberg musste Blatter räumen. Die Ethikkommission macht Druck. Eine Entscheidung soll vor Ablauf der provisorischen Sperre fallen. Notfalls kann die Kommission die Suspendierung um weitere 45 Tage verlängern. Entscheiden die Fifa-Ermittler gegen Blatter, verpasst er sein letztes grosses Ziel: Der 79-Jährige will bei den Präsidentschaftswahlen am 26. Februar seinen Nachfolger selber präsentieren. «Ich hoffe, er bekommt einen guten Abschied», sagt sein Freund Köbi Kuhn, «damit er sich in dem Schlangenbecken, in dem er nun gefangen ist, menschlich verabschieden kann.»

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