Nun schaltet sich der oberste Fussballfunktionär in die Hooligan-Debatte ein. Fifa-Präsident Sepp Blatter fordert eine konsequentere Bekämpfung der Chaoten – und nimmt die Vereine in die Pflicht: «Leider zögern viele Klubpräsidenten in irritierender Weise, sich von diesen Figuren zu distanzieren, und machen sich so auf eine gefährliche Weise erpressbar», schreibt Blatter im «Fifa-Magazin».

Welche Klubpräsidenten er damit meint, bleibt offen – den Beitrag schrieb er im Nachgang zu den Ausschreitungen beim Cupfinal FC Basel gegen FC Zürich in Bern. FCZ-Präsident Ancillo Canepa hatte nach dem Cupfinal die Verantwortung abgeschoben: Es seien nicht unbedingt FCZ-Fans gewesen, die randaliert hätten, sondern viele Krawall-Touristen. Es stellte sich dann heraus, dass eben doch viele FCZ-Fans unter den Gewalttätern waren.

Nachdem es am Donnerstag auf dem Brügglifeld beim Spiel FCA gegen FCB erneut zu Krawallen kam, ist Blatters Appell umso brisanter. Er habe seinen Worten nichts hinzuzufügen, sagt deshalb Blatters Kommunikationschef. Blatter: «Fussballstadien sind keine rechtsfreien Räume. Wer das nicht verstehen will, hat im Fussball nichts zu suchen. Jeder Verein, der die Chaoten deckt, muss drakonisch bestraft werden.»

So deutlich äusserte sich der Fifa-Präsident noch nie, und er nennt auch mögliche Sanktionen: Blatter fordert «alle möglichen sportlichen Konsequenzen»: vom Punkteabzug bis zum Ausschluss aus sämtlichen Wettbewerben.

Auf eine ungewöhnliche Weise distanziert sich der FC Basel heute «ohne Wenn und Aber» von den Chaoten: In ganzseitigen Zeitungsanzeigen schreibt der Klub, er wolle «mit diesen Matchbesuchern nichts zu tun haben».

Von den Randalen am Donnerstag bleiben nicht nur hässliche Bilder auf dem Spielfeld in Erinnerungen. Ein 24-jähriger Mann wurde bei anschliessenden Ausschreitungen ausserhalb des Stadions schwer verletzt. Er musste mit Kopfverletzungen ins Spital gebracht werden. Der Betroffene befand sich zeitweise auf der Intensivstation. Die Staatsanwaltschaft hat eine Strafuntersuchung gegen unbekannt eingeleitet, wie die Kantonspolizei Aargau gestern auf Anfrage mitteilte. Bereits davor hatte der FC Aarau Anzeige erstattet. Der Klub sucht die rund 30 rot-blauen Chaoten, die den Platz stürmten und Fahnenstangen und Pyrofackeln in den Sektor der Aarau-Fans warfen.

«Glücklicherweise liessen sich die Aarau-Fans nicht von den Baslern provozieren, sonst hätte es schlimm ausgehen können», sagt der Aargauer Regierungsrat und Polizeivorsteher Urs Hofmann (SP). «Es ärgert mich, wenn Klubverantwortliche solche Ausschreitungen als Scharmützel abtun.» Die Klubs müssten erkennen, dass sie ein Problem mit gewalttätigen Fans hätten, das sie gemeinsam angehen müssten, sagt Hofmann. Das sei nicht allein Aufgabe der Politik. Sollte sich die Situation nicht verbessern, müssten die Klubs notfalls mit Sanktionen wie Punktabzüge oder hohen Bussen belegt werden.

Der Präsident der Justiz- und Polizeidirektoren, Hans-Jürg Käser, forderte vor einigen Wochen sogar Geisterspiele für die Klubs, wenn sie ihre Anhänger nicht in den Griff bekommen. Was das Hooligan-Konkordat betrifft, war Käser zuletzt aber zufrieden.

Roger Geissberger, Vizepräsident des FC Aarau, ist hingegen ernüchtert. Das verschärfte Konkordat habe bisher kaum geholfen. «Diese Kriegsmaschinerien, die aufgefahren werden, provozieren zum Teil die Fans mehr, als dass sie zur Beruhigung beitragen», sagt er. Vielmehr schwebt Geissberger eine Lösung wie in St. Gallen vor. Dort können seit 2009 Randalierer unmittelbar nach dem Spiel verurteilt werden. «Die Polizei kann heute zu wenig machen», sagt er. Verdächtige könnten nur festgenommen werden, wenn einer gerade etwas ganz Schlimmes mache. Man sollte im Aargau ein Sondergesetz wie in St. Gallen einführen, fordert Geissberger. Dieses müsse «Schnellrichter vorsehen und möglich machen, dass man Tatverdächtige für zwei Tage in Haft nehmen kann».

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