Schweizer gehen gerne fremd. Das suggerieren die Nutzerzahlen des Seitensprung-Portals Victoria Milan, das Verheirateten und Gebundenen Affären vermitteln will. Letzten Monat ist der norwegische Internet-Dienst in den deutschsprachigen Raum expandiert und konnte nach wenigen Tagen bereits 21 000 Mitglieder in der Schweiz vermelden. 30 Prozent davon sind gemäss Anbieter Nutzerinnen, womit die Schweiz im internationalen Vergleich den prozentual höchsten Frauenanteil aufweist. Innerhalb von zwei Jahren will das Portal 250 000 Schweizer erreichen.

Victoria Milan verspricht höchste Diskretion. Doch wer sich wieder von der Plattform zurückziehen und sein Profil löschen will, um die heiklen Spuren zu tilgen, stellt fest: Das geht nur gegen Bezahlung. 49 Franken verrechnet einem das Portal dafür. Denn die kostenlose, reguläre Deaktivierung beinhaltet gemäss den Angaben auf der Website lediglich das Löschen des Profils aus allen Suchergebnissen, nicht aber die Löschung des Profils selber.

Der Technik-Blog «Netzwertig», der auf diesen Sachverhalt aufmerksam geworden ist, findet, dass diese Praxis «schon fast an Erpressung grenzt». In der Tat – es ist sogar widerrechtlich. «Der Anbieter ist verpflichtet, die Daten zu löschen und darf dafür keine Gebühr verlangen», sagt Ueli Grüter, Rechtsanwalt und Dozent für Kommunikationsrecht.

Kunden, die ihr Profil löschen wollen, empfiehlt Ueli Grüter, eine kostenlose Deaktivierung zu beantragen. Erfolgt diese daraufhin nicht, soll man sich an den Datenschützer wenden, der den Anbieter zu einem datenschutzkonformen Verhalten verpflichten kann.

Vom «Sonntag» auf die illegale Gebühr angesprochen, sagt Sigurd Vedal, der norwegische Gründer von Victoria Milan: «Bei der ‹kompletten Deaktivierung› werden nicht nur das Profil gelöscht, sondern auch alle Nachrichten, die man an andere Mitglieder geschickt hat. Der zusätzliche Aufwand, der dabei entsteht, stellen wir den Kunden in Rechnung.» Andere Internet-Dienste wie etwa Facebook würden einen solchen Zusatzdienst gar nicht erst anbieten. «Die alleinige Deaktivierung des Profils ist aber auch bei uns kostenlos», erklärt Vedal. Dass die Website etwas anderes suggeriere, liege an einem Übersetzungsfehler vom Norwegischen ins Deutsche. Der Fehler soll in den nächsten Tagen behoben werden.

Dass es sich aber nur um einen Übersetzungsfehler handelt, ist ausgeschlossen. Denn auch auf der norwegischen Site von Victoria Milan steht deutlich, dass bei der «normalen Deaktivierung» nur das Profil aus allen Suchergebnissen gelöscht wird. Die Löschung des Profils selber hingegen ist auch hier nur in der gebührenpflichtigen Deaktivierung vermerkt.

Eigentlich lässt die Praxis nur den einen Schluss zu: Hier wird die Angst der Fremdgänger bewusst ausgenutzt. Wenden sich die Nutzer, vielleicht aus schlechtem Gewissen, wieder von der Seitensprung-Plattform ab, werden sie zu einer letzten Zahlung gezwungen, wollen sie nicht mit dem unguten Gefühl zu Bett gehen, dass ihr Partner ihnen wegen der Spuren im Netz womöglich auf die Schliche kommt.

Doch vielleicht kommt es den Nutzern dann auf diese 49 Franken auch nicht mehr an. Denn bis dahin werden sie schon einiges an Geld an Victoria Milan überwiesen haben. Zwar bietet das Portal auch einen Gratiszugang an, doch wer mit anderen Fremdgehern kommunizieren will, braucht einen Premium-Account. Dieser kostet 69 Franken im Monat. Für Sigurd Vedal geht das Geschäft auf. Insgesamt hat der Dienst 1,4 Millionen Mitglieder. Drei Monaten nach der Lancierung schreibt er angeblich bereits schwarze Zahlen.

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