Der Chef persönlich, David Miscavige, macht seine Aufwartung. Mit eingefrorenem Lächeln im Gesicht nimmt der Amerikaner den aufbrandenden und durch Lautsprecher verstärkten Applaus seiner Scientologen entgegen. Vor allem aus der Schweiz und dem süddeutschen Raum sind rund 800 Sektenanhänger angereist, um im Basler Hegenheimerquartier die sogenannte «Ideal Org» (Ideale Organisation) und damit die grösste Scientology-Kirche der Schweiz zu eröffnen. «Ideal Org» nennt Scientology ihre Flaggschiffe, um sich nach Aussen prunkvoll darzustellen.

Miscaviges Rede ist für nicht Eingeweihte kaum verständlich. Sie handelt von «Brücken», die es zu überschreiten gelte, von «neuen Zeitaltern, die anbrechen», vom «Herzschlag, der sich bewahrheitet», davon, dass die Schweiz «ideal werde». Er sagt, die Eröffnung bilde «einen Wendepunkt in der Geschichte Europas», und das Publikum applaudiert mit routiniertem Eifer, nachdem es die Übersetzung abgewartet hat.

Nach einer halben Stunde dringen erste Töne von Trillerpfeifen und Vuvuzelas von der Strasse in den Scientology-Vorplatz. Zuerst kaum hörbar, wächst der Protest bald auf rund 200 Personen an. Sie schwenken Kuhglocken, blasen in Trillerpfeifen und Trompeten und schlagen Kellen auf ihre Kochtöpfe. Unter den Demonstranten befindet sich Wilfried Handl, der für den Protest gegen Scientology eigens aus Wien angereist war. 27 Jahre lang war er Scientology-Mitglied, bis er 2002 definitiv austrat. Seither kämpft er mit Aufklärung gegen die Sekte. Er sagt: «Scientology ist eine autoritäre und faschistoide Bewegung.» Ein Scientologe sei ein extremer Fanatiker, der glaube, was er sage. «Scientologen denken tatsächlich, sie seien weltweit die Einzigen, die die Welt retten können. Das ist aus meiner Sicht gefährlich.»

In der «Ideal Org» sollen dereinst 150 Scientologen arbeiten. Nach eigenen Angaben hat die Sekte in Zürich 120 Mitarbeiter unter Vertrag. In der gesamten Schweiz seien es etwa 300 Personen bei 5000 Mitgliedern. Laut Handl verdienen Scientology-Mitarbeiter 30 bis 50 Franken pro Woche. Dass nun genau in Basel die grösste Scientology-Kirche der Schweiz eröffnet wird, habe mit mehreren Zufällen zu tun, sagt er. «Es wurde ein Gebäude gefunden, zudem gibt es in Basel Scientologen, die im Immobilien-Sektor arbeiten.» Den Umbau des Gebäudes zur «Ideal Org» haben die Scientology-Mitglieder selbst bezahlt.

Sekten-Boss Miscavige lässt sich die Störung durch die Demonstranten auf der Strasse nicht ansehen. Er schreitet zur Ehrung jener Scientologen, die sich um die Basler Vorzeigeniederlassung verdient gemacht haben, was vor allem darin bestand, möglichst viel Geld aufgebracht zu haben. Darunter ist der Präsident der Basler Scientologen, Patrik Schnidrig. Auf der anderen Gebäudeseite ergreift Thomas Erlemann das Wort. Der Basler organisiert im Quartier den Widerstand gegen die Scientologen. Er mahnt die Demonstranten zur Contenance: «Wir wollen eine friedliche, lustige und prachtvolle Demo.» Grossmehrheitlich halten sich die Demonstranten an seine Anweisungen. Eine Handvoll Köpfe sind von Anonymous-Masken bedeckt, zwei, drei Knallkörper werden gezündet. Ansonsten bleibt die Demonstration friedlich.

Sektengegner Handl sagt, Widerstand gegen Scientology sei wichtig. «Was jetzt in der in der Schweiz stattfindet, hat es im deutschsprachigen Raum noch nie gegeben.» Mit solchen Protesten entwickle sich ein Bewusstsein. Trotzdem findet er es falsch, Scientology zu verbieten. «Scientology ist wie ein Pickel von vielen. Wenn es Scientology nicht gäbe, dann gäbe es etwas anderes.»

Nach gut einer Stunde ist der Spuk auf beiden Seiten vorbei. Ein Quartierbewohner, der zufällig vorbeikommt, sagt: «Das alles, das brauchen wir hier wirklich nicht.»

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