Noch ist das ganze Ausmass des Kunstfunds von München nicht bekannt. Der Öffentlichkeit hat die Staatsanwaltschaft Augsburg bisher erst 11 von 1406 Bildern präsentiert, die beim Nazi-Kunsthändler Gurlitt beschlagnahmt wurden.

Ein Grossteil der Werkliste, die in den Tiefen des National Archive in Washington lagert, liegt nun der «Schweiz am Sonntag» vor. Hochkarätige Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts stehen darauf. Eines dieser maschinengeschriebenen Dokumente aus den amerikanischen Archiven legt eine spannende Spur in die Schweiz, und zwar nach Lamone bei Lugano. Es handelt sich um eine Bescheinigung aus dem Jahr 1950. Darin bestätigt der in Aarau geborene Maler Karl Ballmer, dem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt bei dessen Schweiz-Besuch 1943 zwei Bilder geschenkt zu haben. Es handelt sich dabei um Marc Chagalls «Allegorische Szene mit drei Monden» und Pablo Picassos «Damenbild mit zwei Nasen».

Wie kam es zu dieser grosszügigen Schenkung? «Gurlitt und Ballmer waren gut befreundet», sagt Historiker Thomas Buomberger. Die Männer lernten sich in Hamburg kennen. Dorthin zog Ballmer 1929 mit seiner jüdischen Partnerin. Als Maler genoss er Anerkennung. Seine Bilder wurden in Ausstellungen zusammen mit Werken von Klee und Kandinsky gezeigt. Doch 1937 beschlagnahmten die Nationalsozialisten in der Aktion «entartete Kunst» Bilder von Ballmer und belegten ihn mit einem Berufsverbot. Kurz zuvor hatte der Kunsthändler Gurlitt noch Arbeiten von Ballmer in seinem Kunstkabinett ausgestellt. Ein Freundschaftsbeweis? «Obwohl Ballmer kein Mitglied der Reichskulturkammer war, stellte Kunsthändler Gurlitt Werke von ihm aus und trug sich damit Ärger mit den Nazis ein», sagt Kunsthistoriker Oliver Class. Als Dank für diese mutige Tat könnte die Schenkung stattgefunden haben. Ob die Übergabe der Bilder, wie auf der Schenkbescheinigung angegeben in der Schweiz stattgefunden hat, ist allerdings unklar.

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