Die automobile Freiheit beginnt gleich hinter der Grenze. Im Land der Tempolimiten-freien Autobahnen drücken viele Schweizer das Gaspedal so tief durch, dass es in der Schweiz strafrechtliche Folgen hätte.

Doch ganz so regellos sind auch die Autobahnen in Deutschland nicht mehr. Auf bereits 40 Prozent der Autobahnen gilt mittlerweile ein Tempolimit, wie der frühere CSU-Verkehrsminister Peter Ramsauer letztes Jahr darlegte. Möglicherweise auch deshalb hat die Zahl der in Deutschland verzeigten Schweizer Autofahrer letztes Jahr einen Rekordstand erreicht. Dies legen Zahlen aus dem angrenzenden, flächenmässig grossen Bundesland Baden-Württemberg nahe. Knapp 31 000 Schweizer rasselten dort 2013 in eine Tempokontrolle, wie Wilfried Schramm vom Regierungspräsidium Karlsruhe sagt.

Noch 2010 registrierten die Gesetzeshüter auf ihren über 1000 Autobahnkilometern weniger als 30 000 Verstösse. Gegenüber 2012 nahm die Anzahl der geblitzten Schweizer letztes Jahr um 1,6 Prozent zu. Jeden Tag erhalten damit durchschnittlich 85 Schweizer unerfreuliche Post von der Zentralen Bussgeldstelle Karlsruhe und stellen damit die besten Kunden unter den ausländischen Verkehrssündern dar.

Etwa 6200 Schweizer Lenker wurden dabei mit mehr als 20 Kilometern zu viel auf dem Tacho erwischt. In der Schweiz hätte eine Übertretung in dieser Grössenordnung eine Anzeige zur Folge. Zum Vergleich: 2012 wurden in der Schweiz knapp 23 000 Lenker wegen «grober Verletzung der Verkehrsregeln» verurteilt. Diese Zahl nimmt seit Jahren ab. Gegenüber dem Rekordjahr 2010 gab es 2012 über 15 Prozent weniger Verurteilungen.

Die finanziellen Folgen sind für die Tempofanatiker in Deutschland überschaubar. In 80 Prozent der Fälle handle es sich um Verwarnungen, die maximal 30 Euro kosteten, sagt Wilfried Schramm. Dass die Zahl in den nächsten Jahren zurückgeht, ist allerdings nicht zu erwarten. Die seit 2011 rot-grüne Landesregierung in Baden-Württemberg lasse die Limiten stärker kontrollieren, wurde ein ADAC-Sprecher vor kurzem in der «Welt» zitiert.

Mit einem generellen Tempolimit auf deutschen Autobahnen muss in naher Zukunft dennoch nicht gerechnet werden. Als der heutige SPD-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel letztes Jahr ein generelles Tempolimit von 120 Stundenkilometern vorschlug, machte er sich quer durch alle politischen Schichten unbeliebt und zog den Vorschlag zurück.

Sicher ist, dass die Schweizer deutlich häufiger geblitzt werden als die meisten europäischen Nachbarn.

Wie Zahlen der EU zeigen, werden in der Schweiz pro 1000 Einwohner und Jahr jeweils etwa 300 bis 350 Bussen verschickt, während es in Frankreich 138 Bussen auf 1000 Einwohner sind und in Italien 24. Mit 10 und 17 Bussen pro 1000 Einwohner werden in Litauen und Tschechien am wenigsten Bussen verteilt. Noch mehr als in der Schweiz sind es in Österreich mit 456 Bussen und in Holland, wo mit 588 Strafzetteln pro 1000 Einwohner mehr als jeder zweite Einwohner jährlich geblitzt wird.

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