Die Mailänder Firma Hacking Team (HT) stand schon lange im Verdacht, verbotenerweise autoritäre Regime und Diktaturen wie den Sudan mit Spionagesoftware zu beliefern. Jetzt ist das Unternehmen von Unbekannten selbst gehackt worden. Diese stellten den Inhalt der HT-Computer, von Mails bis Kundenlisten und Quellcodes, ins Netz.

So flog auf, dass sich die Kantonspolizei Zürich das Überwachungstool Galileo kaufte. Erst Anfang 2015 wurde der Staatstrojaner in Zürich installiert, gekostet hat er fast eine halbe Million.

Die gehackten Daten bringen aber noch viel mehr ans Licht. Schon 2011 interessierte sich ein Vertreter der Waadtländer Kantonspolizei für die Hackingsoftware der Mailänder: «Ich habe die Genehmigung, vorwärtszumachen und Offerten einzuholen.» Er skizzierte die Bedürfnisse: «Wir sind an einem System interessiert, das jegliche Arten von Ziel (Computer oder Smartphone) überwachen kann. Mindestanforderungen (am Anfang): 5 Ziele gleichzeitig und zwei Konsolen simultan an verschiedenen Orten.» Was nachher passierte, geht aus den gehackten Mails nicht hervor.

Anfang 2014 interessierte sich auch die Genfer Kriminalpolizei für das System, man vereinbarte für April ein Treffen in Mailand. Der Genfer Beamte schrieb: «Als zweiter Schritt ist eine Demo in Genf vorgesehen.» Die fand im Mai statt. Und der Genfer bedankte sich anschliessend für die «brillante Demo». Was ab dann passierte, ist unklar, findet sich doch keine Korrespondenz mehr.

2012 interessierte sich ein Vertreter der Bundeskriminalpolizei Fedpol für die Software. Er hatte die Hacking-Team-Leute an der Spionage-Messe in Prag getroffen und bestellte per Mail die Präsentation, die die Mailänder dort gezeigt hatten. Was nachher passierte, ist offen.

Auf der Mailing-Liste des Hacking Team-Chefs findet sich auch ein Mitarbeiter des VBS-Generalsekretariats.

Vor allem auch Private wollten mit den Mailändern ins Geschäft kommen.

Ein Lausanner Unternehmen etwa schloss offensichtlich mehrere Geschäfte mit HT ab. In einer Mail ist die Rede davon, dass HT ihren Schweizer Anwalt mit einer Abklärung beauftragt, was auf einen Schweizer Enduser hindeuten könnte. Einer der Endkunden, an die das Lausanner Unternehmen vermittelte, war 2012 angeblich der Geheimdienst der Vereinigten Arabischen Emirate. Auch von Kontakten in Marokko und Saudi- Arabien ist die Rede.

Ein Broker aus Zug, eine kleine Dienstleistungsfirma im Bereich Sicherheit und Verteidigung, suchte den Kontakt mit Hacking Team, um die Spionage-Software zusammen mit einem Partner nach Macau zu verkaufen. Die Basler Firma hoffte gemäss einem Mail 5 Prozent des Verkaufspreises für sich. Ein grösserer Anteil war für den Partner in Macau vorgesehen.

Eine Privatdetektei an der Zürcher Bahnhofstrasse wollte sich 2011 die Spionage-Software zulegen. Der Firmenchef hatte sie an einer Messe gesehen und verlangte eine «detaillierte Broschüre inklusive Preisliste». Hacking Team antwortete, man liefere nur an Regierungen. «Aber wir können versuchen, eine Dispensation zu erhalten für eine Organisation, die eine Regierungsbewilligung hat.» Seine Agentur habe eine Regierungsbewilligung für «Polizei-bezogene Operationen», gab der Privatdetektiv zurück. Das genügte den Mailändern vorerst, sie mailten ein Geheimhaltungsagreement nach Zürich. Ob aus dem Deal später etwas wurde, ist fraglich. Die Korrespondenz bricht plötzlich ab.

Pikant ist, dass sich der in die Kasachstan-Affäre verwickelte private US-Geheimdienst Arcanum mit Sitz in Zürich für das Spionage-Produkt interessierte. Im März 2015, als Arcanum schon in den Kasachstan-Schlagzeilen war, schrieb ein Vertreter aus Zürich knapp nach Mailand: «Ich bitte um einen Anruf oder ein persönliches Treffen, um Fähigkeiten zu diskutieren.» HT bot sofort Hand dazu. Was nachher geschah, ist offen.

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