Der Einkaufstourismus hat zugenommen. Dadurch verliert der Schweizer Detailhandel viel Geld. Der Gewerbeverband schätzte den Schaden für das Jahr 2011 auf 5 Milliarden. Für das laufende Jahr liegen die Schätzungen gar noch höher. Dabei lohnt sich der Weg über die Grenze nicht mehr in jedem Fall. Seit die Nationalbank vor einem Jahr den Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro festgelegt hat, haben verschiedene Branchen ihre Preise angepasst. Wie der Preisvergleich des «Sonntags» zeigt, sparen Einkaufstouristen bei gewissen Produkten in Deutschland nur noch sehr wenig – oder sie bezahlen sogar mehr.

Hierzulande günstiger können beispielsweise Designermöbel sein, wie die abgebildete Le-Corbusier-Liege. Der Verkäufer im Möbeldesign-Geschäft Neumarkt 17 mitten in Zürich ist grosszügig: «Wenn Sie die Corbusier-Liege selbst abholen, gebe ich Ihnen einen Rabatt von 10 Prozent. Das wären dann…Ach, machen wir einen runden Betrag: 3900 Franken.» Im Vergleich zum Möbelhaus Seipp in Waldshut ist der Schweizer Laden rund 400 Franken billiger.

Vielen Schweizerinnen und Schweizern ist dies noch nicht bewusst: «Leider fahren noch immer die Lieferwagen der deutschen Konkurrenten vor unseren Läden vorbei», beklagt Rudolf Feurer, Präsident des Vereins Designarena Schweiz, der Dachorganisation des Schweizer Designermöbelfachhandels. Das ärgert ihn: «Seit 15 Jahren unternimmt unser Verein alles, um Preisdifferenzen zu eliminieren. Aber in den Köpfen der Leute hat es sich festgesetzt, dass man in Deutschland billiger einkauft.»

Ähnliches registriert auch die Automobilbranche. Im Verlaufe dieses Jahres haben alle grösseren Automarken die Schweizer Listenpreise gesenkt. Heute bewegen sich die Unterschiede im einstelligen Prozentbereich. Ein Audi A3 Sportback ist dank eines zusätzlichen Eurobonus in der Schweiz sogar billiger.

Ähnlich wie bei den Designermöbeln gibt sich die Branche zuversichtlich: «Es ist eine Frage der Zeit, bis die Schweizer gemerkt haben, dass sie kaum etwas sparen, wenn sie ihren Neuwagen im Ausland kaufen», sagt Max Nötzli, Präsident von Auto Schweiz, der Vereinigung der Schweizer Automobil-Importeure.

Doch nicht Überall sind die Preise gesunken. Elektrogeräte wie der Food Processor von Kitchenaid kosten in der Schweiz rund 30 Prozent mehr. Noch deutlicher zeigt sich der Preisunterschied in der Textilienbranche. In der Zürcher Bahnhofstrasse kostet ein Herrenschuh der Luxusmarke Church 50 Prozent mehr als in Deutschland. Aber auch im tieferen Preissegment sind die Unterschiede gewaltig. Auf dem Preisschild eines blauen Matinique-Pullovers bei Companys ist der Schweizer Preis mit 159 Franken angegeben. Gleich darunter steht: «DE: 79.90 EUR».

Eine wirkliche Erklärung für solche Preisunterschiede hat Martin Stoll, der Vertreter der Textilienbranche im Verband Schweizer Handel, nicht: «Ganz offensichtlich kann es sich die Kleiderbranche noch leisten, deutlich höhere Preise zu verlangen.» Der Preisüberwacher Stefan Meierhans hat dafür eine einfache Faustregel aufgestellt: «Je teurer ein Produkt ist, desto eher lohnt es sich, es billiger im Ausland zu beziehen.» Deshalb spiele der Wettbewerb bei hochwertigen Produkten mehr als bei Kleidern. Auf ihre hohen Preise angesprochen beklagen sich Detailhändler darüber, dass es Importeure gebe, welche für die Schweiz einen höheren Einstandspreis verlangen – mit dieser Aussage möchte sich aber niemand zitieren lassen. Zu gross scheint der Druck der Importeure zu sein.

Das Problem ist der Konsumentenschützerin und SP-Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo bekannt. Sie fordert die Verschärfung des Kartellgesetzes. Heute schreitet die Wettbewerbskommission nämlich erst ein, wenn ausländische Produzenten den Schweizer Unternehmen vorschreiben, zu welchen Preisen sie die Produkte verkaufen müssen. Birrer-Heimo fordert die Konsumenten auf, Druck auszuüben: «Sie sollen sich in den Läden beschweren, auf andere Produkte ausweichen oder ihre Einkäufe im Ausland erledigen.» Auch wenn Letzteres für sie keine optimale Möglichkeit ist: «Das schadet unserer Volkswirtschaft enorm.»

Nach wie vor kaufen aber viele Schweizerinnen und Schweizer im Ausland ein. Auch der Geschäftsführer des Möbelhauses Seipp stellt nicht fest, dass die Zahl der Einkaufstouristen, die in Waldshut ihre Möbel einkaufen, abnehme. Und so steigt die Summe der Gelder, die dem Schweizer Detailhandel verloren geht, weiter an. Der CVP-Ständerat Filippo Lombardi schätzte jüngst, dass in diesem Jahr jeder Schweizer im Schnitt tausend Franken im Ausland ausgibt, um beim Einkauf zu sparen.

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!