Der britische Geheimdienst GCHQ betreibt eine Datenbank, in der Telefonnummern und E-Mail-Adressen von Personen erfasst sind, die gezielt überwacht werden sollen. Das enthüllte diese Woche der «Guardian» in Zusammenarbeit mit der «Washington Post» und dem «Spiegel», basierend auf Dokumenten des Geheimdienst-Whistleblowers Edward Snowden.

Neben den Kontaktdaten von Personen wie EU-Wettbewerbskommissar Jaoquin Almunia und dem israelischen Verteidigungsminister Ehud Barak sowie Organisationen wie der Ernährungsorganisation FAO oder dem Kinderhilfswerk Unicef findet sich unter den Abhörzielen der britischen Spione auch ein Schweizer: Nicolas Imboden, früherer Handelsbeauftragter des Bundesrats und Ex-Geschäftsleitungsmitglied des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco).

«Ich bin am Freitag von einem deutschen Journalisten informiert worden, dass ich für den britischen Geheimdienst ein Überwachungsziel bin», sagt Imboden, der derzeit in den USA in den Ferien weilt, gegenüber der «Schweiz am Sonntag». «Zuerst hielt ich das für einen schlechten Witz.»
Doch weit gefehlt: Der frühere Schweizer Spitzendiplomat, der seine Karriere 1982 beim Bundesamt für Aussenwirtschaft (Bawi) startete, 1992 zum Handelsdelegierten des Bundesrats aufstieg und nach der Gründung des Staatssekretariats für Wirtschaft bis 1999 den Bereich «Entwicklung und Transition» leitete, ist laut den Snowden-Dokumenten zumindest 2008 und 2009 umfassend abgehört und zeitweise womöglich sogar beschattet worden. «Mir ist derzeit noch nicht klar, wie umfassend die Überwachung ist oder war», sagt Imboden.

Das Interesse der britischen GCHQ-Spione, die eng mit dem umstrittenen US-Geheimdienst NSA zusammenarbeiten, galt offenbar Imbodens Tätigkeit als Direktor der Genfer Nichtregierungsorganisation «Ideas Centre», die afrikanische Länder wie Tschad, Mali und Benin im Kampf gegen die hohen Baumwollsubventionen von westlichen Staaten – darunter den USA – vertreten hat. «Die Geheimdienste erhofften sich offenbar, in den WTO-Verhandlungen durch Spionage Vorteile zu erlangen», sagt Imboden, der von «gezielter Wirtschaftsspionage» spricht, deren Nutzen er jedoch als «äusserst gering» einschätzt: «Ich habe vor und auch während der Verhandlungen bei Treffen mit US-Diplomaten meine Positionen immer offen dargelegt und kein verstecktes Spiel gespielt.»

Neben Imboden, der heute auch als Handelsexperte für die Weltbank tätig ist, wurde offenbar auch der Direktor des in Genf ansässigen Hilfswerks Médecins du Monde abgehört. Bereits seit Ende Oktober ist bekannt, dass die NSA in der Genfer UN-Mission der USA eine Abhöranlage betreibt. Mit Imboden erreicht der NSA-Skandal, der vom Bundesrat bislang marginalisiert wurde, eine neue Dimension: Erstmals gehört ein Schweizer Bürger nachweislich zu den Überwachungsopfern. Dass er persönlich ins Visier geraten ist, erschüttert Imboden nicht – obwohl mutmasslich auch die private Kommunikation abgehört wurde. Erstaunt ist er jedoch über das Ausmass der Spionage: «Wenn ich als Zielperson in der Datenbank auftauche, muss man davon ausgehen, dass die Überwachung offenbar sehr engmaschig ist.»

Dagegen, sagt Nicolas Imboden, sollte die Schweizer Regierung endlich eine klare Antwort finden: «Wenn sich ein Aktionsbündnis bildet, das den Bundesrat auffordert, gegen die Überwachung durch die NSA und den GCQH klarer Position zu beziehen, würde ich mitmachen.» Sonst werde er nichts unternehmen, nur vorsichtiger werden: «Derzeit berate ich Kirgistan und Tadschikistan in Handelsfragen. Künftig werde ich Verhandlungsstrategien nicht mehr offen am Telefon oder in E-Mails besprechen.»

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