Für Röntgenbilder setzen Ärzte, Spitäler und Röntgeninstitute immer häufiger auf den Computertomografen (CT). Bereits gehen mehr als zwei Drittel der medizinischen Strahlenbelastung der Bevölkerung auf das Konto der CT-Untersuchungen. Die jährliche Strahlendosis, die durch die Röntgendiagnostik verursacht wird, ist deshalb gemäss dem Bundesamt für Gesundheit seit 1998 um 20 Prozent angestiegen.

Das hat fatale Folgen für die Gesundheit der Schweizerinnen und Schweizer. Computertomografie ist eine grosse Strahlenbelastung für den Patienten und potenziell krebserregend. Ein Patient mit Verdacht auf Lungenembolie beispielsweise, der zweimal in die Röhre muss, hat dadurch ein Risiko von 1:1000, innerhalb der nächsten zwanzig Jahre an Lungenkrebs zu erkranken. Das gleich hohe Krebsrisiko haben Patienten, deren Herz, Leber, Magen, Darm oder Blase bestrahlt wird.

In der Schweiz werde zu viel geröntgt, sagt Philipp Trueb, Sektionsleiter Strahlenschutz im Bundesamt für Gesundheit. «Studien besagen, dass 20 bis 30 Prozent der Röntgenuntersuchungen unnötig sind. Das ist zu vermeiden, weil Röntgenstrahlen krebsfördernd sind.» Trueb stützt sich auf Untersuchungen aus Schweden und den USA, geht aber von einer ähnlichen Überbestrahlung in der Schweiz aus.

Dahinter stecke nicht nur böser Wille oder der ökonomische Druck, sondern auch Unwissenheit oder der Druck des Patienten, der darauf beharre. Aber das Geld spiele eine wichtige Rolle. «Sicher ist der ökonomische Anreiz da», sagt Trueb. «Es wird bezahlt, was gemacht wird. Die Mengenausweitung lohnt sich.»

Dieser Vorwurf wiegt schwer. Denn er bedeutet, dass viele Ärzte, Spitäler und Röntgeninstitute die Gesundheit ihrer Patienten gefährden, nur um Zusatzeinnahmen zu schaffen. Zahlen von Tarif-suisse AG, einer Tochterfirma des Krankenkassenverbandes Santésuisse, erhärten den Verdacht. In ihrem Auftrag hat Urs Vogt, Chefarzt für Radiologie am Kantonsspital Aarberg, anhand der Abrechnungsdaten fast aller Krankenkassen ausgewertet, welche Betriebe nach der ersten Computertomografie noch eine zweite anhängen. Das sei nur in 20 bis 25 Prozent der Fälle nötig, sagt Urs Vogt – vor allem bei Patienten mit Krebs, einer Hirnverletzung oder nach einem Unfall.

Doch die Abrechnungsdaten zeigen ein anderes Bild: Die Spitäler machen bei durchschnittlich 32 Prozent der Patienten eine zweite Computertomografie. Vier Privatspitäler erreichen sogar Werte von 63 bis 73 Prozent. Noch schlimmer sind die privaten Röntgeninstitute. Sie erreichen einen Durchschnittswert von 56 Prozent, obwohl sie meist die leichteren Fälle untersuchen. Viele schicken jeden Patienten zweimal in die Röhre. «Das ist für mich als Radiologe nicht nachvollziehbar», sagt Urs Vogt.

Vorbildlich seien hingegen die Zentrums- und Universitätsspitäler, die trotz schwereren Fällen auf einen Durchschnittswert von 20 Prozent kommen. «Das ist ein Anzeichen, dass die kleineren Spitäler und die Röntgeninstitute zu viel bestrahlen», sagt Vogt. «Es gibt Spitäler, die die Zeitzeichen des Strahlenschutzes noch nicht erkannt haben.» Laut Vogt liessen sich 30 Millionen Franken jährlich zugunsten der Prämienzahler einsparen, wenn die Ärzte und Spitäler auf unnötige Röntgenuntersuchungen verzichteten. Aber in erster Linie sei die übermässige Strahlenbelastung ein gesundheitliches Problem: «Das ist medizinisch brisant, weil Patienten, die zu viel bestrahlt werden, eine erhöhte Krebsgefahr haben.»

Jetzt gibt das Bundesamt für Gesundheit Gegensteuer. Bisher hat es nur kontrolliert, ob die radiologischen Aufnahmen optimal durchgeführt werden. Neu will es auch überprüfen, ob sie überhaupt gerechtfertigt sind. Zu diesem Zweck hat es letztes Jahr eine Arbeitsgruppe eingesetzt, der Vertreter des Ärztedachverbands FMH, der ärztlichen Fachgesellschaften, des Spitalverbands H-plus und des Krankenkassenverbands Santésuisse angehören. Sie hat beschlossen, dass die Spitäler und Röntgeninstitute künftig alle fünf Jahre eine Inspektion von Fachkollegen über sich ergehen lassen müssen. Stellen diese fest, dass erheblich zu viel geröntgt wird, melden sie das dem Bundesamt. Dieses schreitet dann gegen die Fehlbaren ein.

Bereits hat die Arbeitsgruppe einen entsprechenden Verordnungsentwurf ausgearbeitet. Er liegt der «Schweiz am Sonntag» vor. 2016 soll er vom Bundesrat abgesegnet werden. Testinspektionen sind aber bereits ab Winter 2014 in fünf bis zehn Spitälern geplant. «Wir wollen die ungerechtfertigten Untersuchungen reduzieren», sagt Philipp Trueb. Eine Dosisreduktion um 30 Prozent sei möglich. «Es sollen nur noch die Untersuchungen gemacht werden, die wirklich nötig sind.» Vorerst nicht kontrolliert werden hingegen die herkömmlichen Röntgenuntersuchungen in den Arzt- und Zahnarztpraxen. Sie nehmen zwar ebenfalls zu, machen aber nur 15 Prozent der medizinischen Strahlenbelastung der Schweizer Bevölkerung aus.

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