Von Tobias Keller aus Västervik

W er Fussball spielt, will gewinnen. Doch die Resultatorientierung passt dem schwedischen Fussballverband nicht. Er hat letzte Woche entschieden, dass es ab 2017 bei Spielen von Junioren bis 13 Jahre keine Sieger und Verlierer mehr geben darf. Für Kinder dürfen keine Wettbewerbe (Meisterschaften, Turniere, Cup) mehr veranstaltet werden. Fussball soll weiter gespielt werden, aber ohne Ambitionen.

Beim Fussballverband SFF haben die Verantwortlichen damit gerechnet, dass sie für ihren Entscheid im sozialdemokratisch geprägten Land Applaus erhalten. Doch Bert Andersson, der im Vorstand des SFF sitzt, zeigt sich im Gespräch konsterniert: «Die Reaktionen sind negativ. Die Bevölkerung versteht nicht, was wir wollen.»

Dabei will man doch nur Gutes. Es gehe darum, die jungen Fussballer vor Schlimmem zu bewahren, sagt Andersson: «Eltern und auch Klubs setzten die Kinder zu früh unter Druck, wir wollen sie vor Stress schützen.» Der Ausbildungschef des SFF Per Widén verteidigt das Sieg-Verbot gar mit internationalem Recht: «Jetzt entspricht der schwedische Kinder- und Jugendfussball der UNO-Kinderrechtskonvention», sagt er.

Selbst Experten sind irritiert. Von Kalmar aus arbeitet die bekannte Sportpsychologin Maria Kehagia in ganz Südschweden mit Sportvereinen. Gegenüber der «Schweiz am Sonntag» kritisiert sie den Entscheid als «nicht nachvollziehbar», ja «dumm». Die Junioren würden nicht geschützt, sondern man schade ihnen letztlich: «Auch Kinder sind resultatorientiert. Sie wollen Tabellen vergleichen und Turniere gewinnen.» Wenn sie das nicht lernten, so Kehagia, sei der Schock über Niederlagen später umso grösser. Dass überehrgeizige Eltern ihre Kinder zu sehr unter Druck setzen würden, erachtet die Sportpsychologin nicht als Problem: «Es ist nicht gefährlich, zu verlieren.»

Die neue Regel im Juniorenfussball könnte langfristig auf die Nationalmannschaft und die Profi-Klubs durchschlagen. Erst vor kurzem hat sich die schwedische Fussball-Nationalmannschaft mit Ach und Krach doch noch für die EM in Frankreich qualifiziert. Zwanzig Jahre lang hat Henrik Rydström beim schwedischen Spitzenklub Kalmar FF gekickt, 2008 wurde der Fussballer mit einem Master in Literaturwissenschaft schwedischer Meister.

Heute ist er U-19-Trainer in Kalmar und kann den Verbands-Entscheid nicht verstehen: «Europäisch gesehen liegt Schweden bei den 15- bis16-Jährigen im hinteren Mittelfeld, diese Entscheidung macht diese Situation nicht besser.» Kinder müssen Siegen und Verlieren lernen, dies sei die Würze im Sport und schliesslich im Leben. «Ich orte hier ein gesellschaftliches Problem in Schweden. Auch in der Schule wird es den Kindern immer leichter gemacht. Kaum noch Prüfungen, kaum noch Ansprüche. Nur kommt irgendwann das richtige Leben auf die Kinder zu.»

Noch ist Fussball in Schweden populär, auch in der Halle. Ein beliebtes Turnier heisst «Jul Kul Cup», lustiges Weihnachtsturnier, und findet seit 36 Jahren in Emmaboda statt. Dort treffen sich jeweils 150 Teams aus ganz Südschweden und Dänemark zum Vorweihnachtsfussball. Damit soll nun Schluss sein. Nicht etwa, weil niemand mehr Hallenfussballspielen wolle, sondern weil es der Verband verboten hat. Eine Siegermannschaft darf es nicht mehr geben.

Anders hat der SFF beim bekannten Kinder- und Jugendturnier «Gothia-Cup» entschieden. Das Turnier in Göteborg, bei dem jeweils rund 1600 Teams aus 73 Ländern teilnehmen, soll eine Spezialbewilligung erhalten. Nur sind ab 2017 Schwedens Mannschaften am Heim-Cup irgendwann wohl keine Gegner mehr – sie werden das Siegen verlernt haben.

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