VON SANDRO BROTZ

Wolfgang O. sieht seine Peiniger an jedem Verhandlungstag. Er müsste nicht, aber er will es so. Still und aufmerksam sitzt er im Sitzungssaal B177, macht sich zwischendurch Notizen.

Der 47-jährige Versicherungsvertreter will verstehen, warum ihn Mike, Benji und Ivan fast zu Tode geprügelt haben. Doch von ihnen selbst bekommt er keine Antworten. Die Zürcher Schüler folgen der risikoreichen Strategie ihrer Anwälte – und schweigen.

Klar und deutlich spricht dafür erstmals gegenüber dem «Sonntag» die neue Schulpräsidentin von Küsnacht, Danièle Glarner: «Dieses Ereignis gehört zu unserer Schulgeschichte und wird eine schmerzliche Erinnerung bleiben. Dazu stehen wir und tragen auch die moralische Verantwortung.»

Wie ernst es Glarner damit ist, zeigt sie in einem Brief, der Mitte Woche an Opfer O. verschickt wurde: «Sie gehen uns nicht einfach aus dem Sinn», heisst es darin. «Er soll spüren, dass wir dranbleiben», sagt die Schulpräsidentin: «Wir wollen ihm als Schule erneut unsere Betroffenheit und unsere Verbundenheit zeigen. Es ist ein Zeichen der Anteilnahme.» Genau darauf wartete Wolfgang O. vor dem Oberlandesgericht in München bisher vergeblich. «Bis zum heutigen Zeitpunkt haben die Schüler keine Entschuldigung vorgebracht», bestätigt Gerichtssprecherin Margarete Nötzel.

Es ist kein Zufall, dass der Brief vor dem bevorstehenden Urteil an O. geht. Glarner ist nicht entgangen, dass die angeklagten Schüler bis heute keine Reue für ihre Taten zeigen: «Falls es so ist, kann ich verstehen, dass diese fehlende menschliche Regung Stirnrunzeln auslöst.» Sie wisse aber nicht, was Mike, Benji und Ivan dazu bewogen habe: «Ob es Taktik ist, fehlende Empathie oder was wirklich in ihnen vorgeht.»

Die Betroffenheit bei der Schulleitung in Küsnacht ist «noch immer gross», sagt Glarner. Opfer, Schüler und Eltern seien vor dem Urteil «alle zusammen in einer Warteposition».

Es wird zum Warten auf ein voraussichtlich drakonisches Urteil. Das blosse Schweigen darf zwar «nicht zulasten der Jugendlichen gewertet werden», sagt Christoph Knauer, Lehrbeauftragter für Straf- und Strafprozessrecht an der Ludwig-Maximilians-Universität München: «Wenn Mord im Raum steht, ist aber schon zu erwarten, dass der Strafrahmen eher nach oben ausgeschöpft wird.»

Bei versuchtem Mord in zwei Fällen und schwerer Körperverletzung in drei weiteren Fällen stehen Haftstrafen bis zu 10 Jahren zur Debatte. Laut Münchner Medienberichten wird die Staatsanwaltschaft bei den Plädoyers am 24. Oktober nicht vom Tatbestand des zweifachen versuchten Mordes abrücken.

Da wird es den drei Schlägern nur wenig nützen, dass sie in den Justizvollzugsanstalten Mannheim und Neuburg an der Donau die braven Musterinsassen geben – insbesondere der mutmassliche Haupttäter Mike, der gerne Schach spielt und dem ein IQ von 118 attestiert wird («Der Sonntag» berichtete).

In Küsnacht sind die Gewalttaten für die Schule «nicht erledigt», wie Präsidentin Glarner festhält: «Aber denken Sie bitte daran: Die Schüler von heute – und es sind bereits zwei neue Jahrgänge bei uns – können nichts dafür.» Die Vorfälle von München seien nicht als Schulstoff aufgenommen werden: «Das Thema Gewalt war schon immer Teil des Unterrichts.» Die Präventionsbemühungen seien aber verstärkt worden.

«Wir wollten ein bisschen Spass haben und Leute abklatschen», sagte Mike nach der Verhaftung in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 2009 aus. Es blieb bei diesen dürren Aussagen und gipfelte in einem Maulkorb, den die wenig erfahrenen Anwälte den Jugendlichen vor Gericht verpassten. Mike, Benji und Ivan werden voraussichtlich auch die Chance für ein letztes Wort nicht nutzen.

Es sei zwar ratsam, wenn der Angeklagte die Tat eingeräumt habe, so der Münchner Strafrechtsexperte Knauer: «Denn dann wird ihm Reue positiv angerechnet.» Habe er aber bis zum Ende der Verhandlung geschwiegen, bringe ihm auch ein solches letztes Wort «in der Regel eher nicht viel oder kann ihm sogar schaden.» Knauer würde deshalb davon abraten.

Das schwer verletzte Prügel-Opfer Wolfgang O. wird auch dann wieder im Gerichtssaal sitzen. Und weiter vergebens auf Antworten warten, warum drei Zürcher Schüler sein Leben zerstört haben und bis heute kein Wort des Bedauerns über ihre Lippen bringen.


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