Lisa Lehner hat Generationen von Schulkindern und eine Menge Reformen erlebt. Zuerst unterrichtete sie 15 Jahre an Primar- und Realschulen, danach wurde sie Schulleiterin in Baden, wo sie seit 14 Jahren tätig ist. Trotzdem gibt es immer wieder Entwicklungen, die auch sie überraschen. Eine ist der wachsende Konflikt zwischen Eltern und ihrem Nachwuchs.

«Mich rufen heute häufiger verzweifelte Mütter und Väter an, weil sie mit ihren Kindern aneinandergeraten», sagt Lehner. Fast immer geht es um das gleiche Thema – die Hausaufgaben. Eltern könnten heute nicht immer Zeit aufwenden, den Stoff mit ihren Sprösslingen durchzugehen, mit dem Ergebnis, dass sich beide zoffen. Für Lehner ist deshalb klar: «Wir sollten die klassischen Hausaufgaben abschaffen.»

Lehners Stimme hat Gewicht. Sie verfügt nicht nur über viel Erfahrung, sondern ist auch Vizepräsidentin des Deutschschweizer Schulleiterverbands. Die Unterstützung ihrer Kollegen ist ihr sicher. Auch Bernard Gertsch, Präsident des Verbands, sieht Handlungsbedarf. Beide wollen die Idee nun aufs Tapet bringen. Dabei geht es nicht nur um die Spannungen im Elternhaus, Gertsch sieht die Chancengleichheit gefährdet. Primarschüler, deren Eltern arbeiten oder aus bildungsfernen Schichten stammen, könnten sich zu Hause an niemanden wenden. «Das gefährdet die Entwicklung der Schüler und lässt die Lücke zu den Klassenbesten noch grösser werden.»

Die Debatte um die Hausaufgaben erhält durch den Schulleiterverband Aufwind, neu ist sie allerdings nicht. Der renommierte Kinderarzt Remo Largo sagte bereits 2012, auf die Hausaufgaben angesprochen: «Abschaffen! Die Verantwortung liegt bei der Schule, nicht bei der Familie.» Auch für Gabriel Romano, Dozent der Erziehungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Bern, haben Hausaufgaben meistens nur einen geringen Lerneffekt. Oft handle es sich um Stoff, der aus Zeitmangel nicht mehr durchgenommen werden könne. Zuhause seien die Schüler dann sich selber überlassen, kritisiert er. Nötig sei das nicht: «Die Schüler lernen tagsüber genug.» Zu viel Schulstoff ist auch für Schulleiter-Präsident Gertsch ein Problem. Statt eines einzigen Klassenlehrers haben Kinder heute Fachlehrer für jeden Bereich, die sich nicht immer absprechen. «Unter Umständen werden den Kindern dann zu viele Aufgaben zugemutet», sagt Gertsch.

Vorwurf der Kuschelpädagogik
Bisher sind alle Anstrengungen die Hausaufgaben abzuschaffen, gescheitert. Nur einmal gelang der Versuch. 1993 strich der Kanton Schwyz jegliche Hausaufgaben, allerdings hob die Regierung diesen Entscheid nur vier Jahre später wieder auf. Eltern, Politiker, aber auch Lehrer hatten sich heftig dagegen gewehrt. Eine Schule ohne Hausaufgaben sei zu weich, sie verkäme zur Kuschelpädagogik, hiess es. Die SP scheiterte 2009 in der Stadt Zürich mit dem gleichen Anliegen. Das Argument der Chancengleichheit war nicht stark genug. Vielmehr schätzen Eltern und Politiker, wenn Kindern Selbstständigkeit beigebracht wird.

«Hausaufgaben sind im Bewusstsein der Bevölkerung gleich stark verankert wie die Noten 1 bis 6», sagt Beat Zemp, Präsident des Lehrerverbandes. «Die Hausaufgaben zu streichen, führt zu emotionalen Diskussionen.» Dennoch sieht Zemp geeignetere Möglichkeiten, die Selbstständigkeit von Schülern zu fördern. Er schlägt spezielle Hausaufgabenlektionen am späteren Nachmittag vor, in denen die Lernenden, wenn nötig, Hilfe eines Lehrers anfordern könnten. Dann müssten Kinder die Hausaufgaben nicht zu Hause lösen.

Zuversichtlich ist Zemp allerdings nicht. «Solche Anliegen kosten Geld und gehören daher in der heutigen Zeit extremer Abbaumassnahmen bei der Bildung in den Bereich des Wunschdenkens», sagt er. Der Schulleiterverband will sich trotzdem des Problems annehmen. «Eine Diskussion über die Hausaufgaben ist überfällig», sagt Gertsch. «Wir werden unser Anliegen nun vorantreiben.»

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