Drei Jahre dauerte seine Lehre als Landschaftsgärtner. Nach einigen Jahren Berufserfahrung wollte sich Michael Brütsch aus Schaffhausen weiterbilden. Er entschied sich für eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung zum Obergärtner mit eidgenössischem Fachausweis. «Das hat mich gut 10 000 Franken gekostet. Bezahlen musste ich alles selber», sagt Brütsch.

Zum Vergleich: An den meisten Hochschulen liegen die Studiengebühren zwischen 1000 und 1600 Franken pro Jahr. Brütsch musste also viel tiefer in die Tasche greifen als ein Universitätsstudent. Und dies, obwohl die Gleichwertigkeit der akademischen und der beruflichen Bildung seit 2006 in der Verfassung verankert ist.

Das soll sich nun ändern. Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann wird dem Bundesrat Ende August einen Vorschlag unterbreiten, mit dem er die finanzielle Benachteiligung der jährlich 25 500 Absolventen einer höheren Berufsbildung stoppen will.

Das kündigte er diese Woche am Industrietag des Branchenverbandes Swissmem an. Nebst der finanziellen Besserstellung sollen die Schweizer Abschlüsse international vergleichbarer werden, unter anderem dank einem englischen Titelzusatz, der die Qualifikationen erklärt. Das erhöht die Chancen von Schweizer Berufsleuten auf dem internationalen Arbeitsmarkt, wo sie heute gegenüber Akademikern benachteiligt sind.

Stimmt der Bundesrat zu, müssen gelernte Berufsleute, die nach ihrer Lehre eine mehrjährige berufsbegleitende Spezialausbildung machen, diese nicht mehr zu 100 Prozent aus der eigenen Tasche zahlen. Das ist heute bei einem Drittel der Absolventen der Fall. Bei zwei Dritteln übernimmt der Arbeitgeber die Kosten teilweise oder ganz. Der Staat übernimmt zwar 60 Prozent der Prüfungsgebühren, zahlt aber keinen Franken an die Vorkurse.

Ausbildungen wie jene zur Marketingfachfrau oder zum Steuerexperten sind meistens sehr teuer. Die Kosten für einen Absolventen, der sowohl eine Berufsprüfung als auch die anschliessende höhere Fachprüfung absolviert, liegen heute laut dem Bund im Schnitt bei total 24 600 Franken. Bei einigen Berufen, etwa einer Ausbildung zum Schreinermeister, sind es sogar 38 000 Franken.

«Wir wollen, dass ein Teilnehmer eines solchen Kurses künftig finanziell nicht stärker belastet wird als ein Hochschulstudent», sagt Josef Widmer, stellvertretender Direktor des federführenden Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation. «Ziel ist, die Benachteiligung der Absolventen der höheren Berufsbildung zu beseitigen. Die Schaffung gleich langer Spiesse ist wichtig für die Attraktivität der höheren Berufsbildung.»

Bundesrat Schneider-Ammann gibt damit zumindest teilweise dem Druck des Schweizerischen Gewerbeverbandes nach. Dieser forderte seit längerem zusätzliche 400 Millionen Franken für die höhere Berufsbildung. Zuletzt schraubte er diese Forderung auf 100 Millionen pro Jahr zurück. Schneider-Ammann wird dem Bundesrat wahrscheinlich einen Beitrag vorschlagen, der darunter liegt. «Auf 100 Millionen Franken kommen wir nicht», sagt er gegenüber der «Schweiz am Sonntag».

Laut Josef Widmer ist vorgesehen, dass der Staat ab 1. Januar 2017 die Hälfte bezahlt. «Wir werden dem Bundesrat beantragen, dass sich die öffentliche Hand künftig mit 50 Prozent an den Kosten der Vorbereitungskurse beteiligt.» Der Beitrag geht direkt an den Teilnehmer, und zwar wie bei Hochschulstudenten unabhängig davon, wie hoch sein Einkommen und Vermögen ist.

Dem Absolventen einer höheren Berufsbildung bleiben damit noch durchschnittlich 12 300 Franken. Einen Teil dieser Kosten soll weiterhin der Arbeitgeber übernehmen. «Der Betrag, der am Ende dem Teilnehmer zur Zahlung verbleibt, ist damit absolut vergleichbar mit der finanziellen Belastung eines Hochschulabsolventen», sagt Widmer.

Nebst dem Bund sollen die Kantone einen Teil der Kosten übernehmen. Der Anteil muss noch ausgehandelt werden. «Geplant ist eine ungefähr paritätische Beteiligung», sagt Bundesrat Schneider-Ammann. Zu den Mehrkosten für die öffentliche Hand sagt Josef Widmer vom Staatssekretariat für Bildung: «Es braucht jährlich je nach festgelegtem Prozentsatz rund 60 bis 100 Millionen Franken mehr als heute.»

Der Schweizerische Gewerbeverband ist mit dem tieferen Betrag nicht einverstanden, weil der Fachkräftemangel zunimmt. «Wir erwarten vom Bundesrat, dass er in dieser Situation die Mittel zur Verfügung stellt und 100 Millionen Franken pro Jahr spricht», sagt Direktor Hans-Ulrich Bigler. «60 Millionen sind sicher zu wenig.»

Hinter vorgehaltener Hand sehen das etliche Beobachter der Bildungsszene anders. Es gebe gar keine Ungleichbehandlung der Berufsbildung, sagen sie. Es sei unfair, die Situation eines 20-jährigen Universitätsstudenten mit gelernten Berufspersonen zu vergleichen, die bei Beginn ihrer Weiterbildung meist über ein massgebliches Einkommen verfügen, das ihnen eine Beteiligung an den Bildungskosten erleichtert. Zudem profitierten sie nach der Weiterbildung unmittelbar von einem höheren Lohn und könnten einen Teil der Kosten vom steuerbaren Einkommen abziehen.

Ein Berufsbildungsexperte, der nicht genannt sein will, würde es für gescheiter halten, wenn sich anstelle des Staates die Berufsverbände stärker an der höheren Berufsbildung beteiligen würden. Der Schreinermeisterverband beispielsweise zahlt heute über verschiedene Kassen 30 000 Franken an die nötigen Vorkurse bis zur Meisterprüfung. Dem Absolventen oder seinem Arbeitgeber verbleiben für die fünfjährige Ausbildung gerade mal 8000 Franken.

Diese Stimmen sind symptomatisch für den Kampf um Geld und Berufsleute, der in der Schweiz wegen des zunehmenden Fachkräftemangels entbrannt ist. Grund ist die rückläufige Zahl junger Menschen. Von diesen wollen immer weniger eine Berufslehre machen, vor allem im technischen und handwerklichen Bereich. Darunter leiden das Gewerbe und die Industrie, die eine «Akademisierung» anprangern. Das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative hat diesen Kampf noch verschärft.

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