Ein stickiger Saal, ein Blatt Papier und eine Wasserflasche – so sahen früher die Prüfungsbedingungen an der Universität Zürich aus. Doch das ändert sich jetzt. Die Studenten der Rechtswissenschaftlichen Fakultät erhalten viel grössere Freiheiten. So wird in wenigen Wochen die Einführungsprüfung in die Rechtswissenschaft erstmals online durchgeführt. Das heisst, die 850 Erstsemestrigen dürfen die Multiple-Choice-Aufgaben am Computer lösen.

Doch das bleibt nicht die einzige Neuerung. Viel einschneidender ist, dass die Studenten künftig selber entscheiden, wo sie die Prüfung ablegen – egal ob an der Uni, zu Hause oder gemeinsam in einer Gruppe. Damit fallen sämtliche Kontrollen weg.

Zwar ist der Test als eine «Open-Book-Klausur» deklariert, in der Studenten während der Prüfung auf die Lehrbücher zurückgreifen dürfen. Doch es hält sie niemand davon ab, einen älteren Studenten den Test machen zu lassen oder sich zu einer Gruppe zusammenzuschliessen.

Kritik an der Neuerung kommt aus den eigenen Reihen. Für Soziologie-Professor Kurt Imhof machen solche Prüfungen keinen Sinn. «Das ist doch absurd», sagt er. «Diese Form eignet sich sicher nicht dafür, Gelerntes abzufragen.» So würden Studenten geradezu zur Kooperation untereinander angehalten.

Die Universität widerspricht: Alle Prüflinge erhalten die Fragen in unterschiedlicher Reihenfolge. Dies erschwere eine Zusammenarbeit enorm, sagt Sprecherin Bettina Jakob. Mit 90 Minuten Prüfungsdauer sei ausserdem die Zeit für weitreichende Recherchen knapp, ganz gleich, welche Quellen man anzapfen würde. Vielmehr setzt die Universität auf den Lernwillen der Studenten. «Wir gehen davon aus, dass die Studierenden daran interessiert sind, den Grundlagenstoff ihres Fachs zu kennen», sagt Jakob. Auf diesen Kenntnissen baue schliesslich das Studium auf, das sie selber gewählt haben.

Die Neuerungen sind auf Wunsch der Rechtswissenschaftlichen Fakultät entstanden. Sie wollte, dass Studierende den Test mehrmals in kürzester Zeit absolvieren können, weil das einer Einführungsveranstaltung gerechter würde. Wer durchfällt, kann die Prüfung nun in derselben Woche wiederholen. Die schnelle Korrektur ist dank dem Online-Test möglich. Der Aufwand für die Professoren und Assistenten bleibt gering.

Diese Verwässerung der Leistungskriterien passt für Kritiker allerdings nicht zu einer Hochschule von Weltformat. Deshalb ist auch Rolf Dubs, emeritierter Professor der Universität St. Gallen (HSG), skeptisch. Der Unterricht an Spitzenunis wie Harvard oder Stanford sei nicht zwingend anspruchsvoller als an den Schweizer Universitäten, sagt Dubs, der an mehreren Hochschulen im Ausland unterrichtet hat. «Aber sie zeichnen sich durch knallharte Prüfungen aus. Darauf dürfen auch Schweizer Universitäten nicht verzichten.»

Für Dubs sorgt eine gute Prüfung neben dem Wissensnachweis auch dafür, dass sie das Lernverhalten der Studenten bereits im Vorfeld steuert. Doch das sei hier nicht der Fall. Wenn der Test in derselben Woche mehrmals wiederholt werden dürfe, gleiche das mehr einer Lotterie als einer seriösen Prüfung. In wenigen Tagen könnten die Studenten nicht nachholen, was sie während des Semesters versäumt hätten.

Für die Universität Zürich bleibt die Qualität im Rechtsstudium dennoch gesichert. Die Einführungsveranstaltung sei nur ein Teil der Einstufung und gebe einen Überblick über die Aufgaben des Rechts, sagt Sprecherin Jakob. Die Vertiefungen der jeweiligen Bereiche würden bereits ein halbes Jahr später getestet – und zwar mit klassischen schriftlichen Prüfungen.

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