Oswald Grübel, der ehemalige CS- und UBS-Chef, sagt es drastisch. «Wir steuern mit Karacho auf eine Situation zu, wie wir sie noch nie erlebt haben.» Finanzprofessor Martin Janssen formuliert nicht minder deutlich: «Eines Tages wird die Anpassung mit unglaublicher Wucht über die Schweiz hereinbrechen.»

Grübel und Janssen sprechen von den Folgen der Negativzinsen. Vor gut eineinhalb Jahren hat die Nationalbank sie eingeführt, an jenem denkwürdigen 15. Januar 2015, als sie gleichzeitig den Mindestkurs von 1.20 Franken zum Euro aufhob.

Die Negativzinsen sollten helfen, die Aufwertung des Frankens zu verhindern – und Investitionen zu beleben. Der Franken wurde in der Folge dennoch massiv teurer, schwächte sich dann aber wieder ab. Der Euro-Kurs bewegt sich inzwischen knapp unter Fr. 1.10.

Jetzt wächst der Druck, die Negativzinsen wieder abzuschaffen. SVP-Stratege und Exportunternehmer Christoph Blocher sagt: «Dass man ausprobiert hat, ob die Negativzinsen etwas bringen, das war in Ordnung. Doch inzwischen ist klar: Sie haben nichts gebracht. Ziel verfehlt!»

Im Gegenteil, so Blocher: «Die Negativzinsen richten verheerende Schäden an. Wer spart, wird enteignet. Das trifft die Pensionskassen, die Sparer ganz generell, auch viele kleine Leute.» Auf der anderen Seite hätten Gemeinden und Kantone einen Anreiz, Schulden zu machen, weil sie damit noch Geld verdienen. «Dabei müssen die Schulden irgendwann zurückbezahlt werden – das ist kurzfristiges Denken auf Kosten der nächsten Generationen.» Blocher fordert: «Die Negativzinsen müssen jetzt weg!»

Pensionskassen in Not
Oswald Grübel beziffert in seiner «Schweiz am Sonntag»-Kolumne die Kosten der Negativzinsen für AHV, Sozialwerke, Pensionskassen, Banken und Versicherungen auf mehrere Milliarden Franken.

Der Anlagenotstand der Pensionskassen hat sich seit dem 15. Januar 2015 noch verschärft. Sie müssen ihre liquiden Mittel unbedingt investieren, sonst verlieren sie an Wert. Die notwendigen Renditen sind kaum mehr zu erreichen. Kein Wunder, machen die Pensionskassen gegen die Negativzinsen mobil. Ebenso wie die Banken. Sie müssen ohne eine einst verlässliche Einnahmequelle auskommen. Das Zinsdifferenzgeschäft – das günstige Aufnehmen von Geld und Verleihen gegen einen Aufschlag – ist bei den tiefen Zinsen kaum noch möglich.

Der emeritierte St. Galler Professor Franz Jaeger hält die Negativzins-Politik deshalb für brandgefährlich. «Sie zwingt die Investoren zu mehr Risiko, was wiederum ständig neue Spekulationsblasen befeuert: in Aktien, Obligationen, Rohstoffen oder Immobilien.»

Dass der Ruf nach einem Ende der Negativzinsen gerade jetzt lauter wird, hängt mit der relativ robusten Wirtschaftslage zusammen. Nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses wurde der Abbau von Zehntausenden von Jobs und die Verlagerung ganzer Industrien ins Ausland vorhergesagt. Doch die Zahl der Arbeitslosen hat nur wenig zugenommen, sie verharrt bei knapp 140 000 Personen. Die jüngsten Halbjahresabschlüsse der Schweizer Firmen zeigen, dass drei von vier Unternehmen ihre Gewinne gar verbessert haben.

Finanzprofessor Janssen sagt darum mit Bezug auf die Negativzinsen, es sei «höchste Zeit, die kollektive Subventionierung der Exportindustrie wieder auf ein sozial- und wirtschaftsverträgliches Mass abzubauen und den Schweizer Franken schrittweise in den freien Markt zurückzuführen».

Viele Klein- und Mittelbetriebe haben jedoch durch den Frankenschock inländische Aufträge verloren, da die grossen Unternehmen vermehrt im Ausland einkaufen. Hotellerie und Gastronomie verzeichnen dramatische Einbrüche bei europäischen Kunden, die sie nicht mehr durch Effizienzsteigerungen auffangen können.

Im Detailhandel leiden auch die Branchenführer Migros und Coop darunter, dass das Shoppen im Ausland boomt. Die Kunden wandern online ab oder fahren über die Grenze ins Ausland.

Würde der Franken stärker?
Was würde mit dem Frankenkurs geschehen, wenn die Nationalbank die Negativzinspolitik beenden würde? Die Abschaffungs-Befürworter räumen ein, dass dies nicht klar sei. «Es kann sein, dass der Franken kurzfristig stärker würde, aber das können die Unternehmen wieder auffangen. Zumal viele Unternehmen ja auch einkaufen, und die Importe verbilligen sich dadurch», sagt Blocher.

Auch Grübel geht davon aus, dass der Franken «etwas stärker» würde – und er weiss auch, wie die SNB die Folgen abfedern könnte: «Sie müsste bessere Kontrollen gegen ausländische Spekulanten einführen. Die Zinssätze im Kapitalmarkt würden ansteigen und die ausufernde Spekulation bremsen.»

Also Kapitalkontrollen für die Schweiz? Der amerikanische Starökonom Kenneth Rogoff rät ab – es wäre eine «verzweifelte Massnahme», sagt er. Franz Jaeger hält eine Abschaffung der Negativzinsen nur dann für möglich, wenn die Europäische Zentralbank (EZB) mitzieht. «Handeln wir auf eigene Faust, wird sich der Franken wie ein Luftballon mit Gas füllen und nach oben treiben.»

Dennoch – der politische Druck auf die SNB wächst. Das nimmt auch der Ökonom und ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm wahr: «Es geht dabei um Interessen. Die Finanzwirtschaft hat gegenüber der Realwirtschaft wieder Oberwasser – man braucht nur die NZZ zu lesen», sagt er. «Die gleichen Kreise, die damals erfolgreich für die Aufhebung des Euro-Mindestkurses getrommelt haben, polemisieren nun gegen die Negativzinsen.» Strahm selbst hält sie zwar auch für problematisch, kommt aber zum Schluss: «Sie sind die am wenigsten schlechte Lösung.» Denn die Negativzinsen würden immerhin den Aufwertungsdruck mindern. «Eine Aufhebung wäre ein sehr schlechtes Signal an die Exportwirtschaft.»

Zinsdifferenz ist geschmolzen
Versucht die SNB, eine Zinsdifferenz gegenüber der Eurozone aufrechtzuhalten, könnte sie sich zu noch höheren Negativzinsen gezwungen sehen. Das sagt Karsten Junius, Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin. Denn die Zinsdifferenz sei in den letzten Monaten bereits geschmolzen. «Mittlerweile ist sie noch halb so gross wie unmittelbar nach der Einführung der Negativzinsen.»

Die SNB habe ihre Politik unverändert gelassen, erklärt Junius. «Hingegen hat die EZB ihre Einlagensätze weiter gesenkt und ihr Anleihenkaufprogramm ausgeweitet.» Würde die EZB die Zinsen nochmals senken oder zu einer anderen geldpolitischen Massnahme greifen, müsste die SNB wohl handeln.

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