In Interviews äussert Jeannine Pilloud, Leiterin des SBB-Personenverkehrs, gerne Verständnis für den Vorwurf, die SBB bauten ihren Service ab. Doch hinter den Kulissen treibt sie den Abbau weiter voran. Der neuste Streich: Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, stufen die SBB mehrere Schnellzugslinien vom Fern- zum Regionalverkehr herunter – aus Interregios werden somit kondukteurlose Regio-Express-Züge.

Als Erstes sind die Linien Bern–Biel und Bern–Burgdorf–Olten an der Reihe. Mit Flugblättern unter dem Titel «Achtung Selbstkontrolle» machen die SBB ihre Passagiere zurzeit darauf aufmerksam, dass die Billettkontrollen auf diesen beiden Linien ab dem Fahrplanwechsel vom 11. Dezember «wie im Regionalverkehr» durchgeführt werden.

Im Klartext bedeutet das, dass keine Kondukteure mehr Billette kontrollieren und verkaufen. «Es gelten ab diesem Zeitpunkt die Regeln des Regionalverkehrs», bestätigt SBB-Sprecher Christian Ginsig. «Der Billettverkauf wie auch das Lösen von Klassenwechseln im fahrenden Zug sind nicht mehr möglich.» Wie in den S-Bahnen finden Billettkontrollen nur noch stichprobenmässig statt.

In einer Übergangsphase fährt auf den beiden betroffenen Strecken zwar noch Zugpersonal. Dieses wird aber laut Ginsig nur noch «zu betrieblichen Zwecken» eingesetzt, also um die Züge abzufertigen, die Türen zu schliessen und die Bremsen zu kontrollieren. Mit der Einführung neuen Rollmaterials Ende 2013 ist auch das nicht mehr nötig; dann fallen die Kondukteure ganz weg.

Bereits planen die SBB die Streichung der Kondukteure auf weiteren vier Linien in der West- und Ostschweiz. Dies, sobald dort die neuen Regio-Doppelstockzüge von Stadler Rail fahren. Sie sind mit Videokameras und Fernsprechanlagen für Notrufe ausgerüstet. Noch nicht definitiv beschlossen, aber auf Ende 2014 geplant, ist der kondukteurlose Betrieb auf der viel befahrenen Strecke Zürich–Brugg–Basel.

Die SBB begründen den Abbau mit den steigenden Kosten. Sprecher Christian Ginsig: «Wir würden es auch begrüssen, auf allen Zügen mit Kondukteuren verkehren zu können, aber das ist wegen des massiv ausgebauten Zugangebots schlicht nicht mehr finanzierbar.»

Scharfe Kritik am Wegfall der Kondukteure äussert der Zugpersonalverband. «Es ist problematisch, wenn man Fernverkehrszüge ohne Personal fahren lässt», sagt Zentralpräsident Andreas Menet. «Die SBB nehmen die Gefahr der Verwahrlosung dieser Züge in Kauf. Niemand schaut mehr für Ordnung und Sauberkeit, das Sicherheitsempfinden der Kunden nimmt ab.» Zudem laste bei Zugsstörungen alles auf dem Lokführer.

Bei den SBB kann man die Kritik nicht verstehen. Bereits heute verkehre ein Grossteil der Nahverkehrszüge ohne grössere Probleme unbegleitet, sagt Christian Ginsig. «Wo kritische Situationen auftauchen, reagieren wir schon heute mit dem Einsatz der SBB-Transportpolizei oder ganz gezielten Massnahmen.»

Die Kundenorganisation Pro Bahn ist mit dem Abbau «nicht glücklich», wie ihr Sprecher Edwin Dutler sagt. Gleichwohl zeigt er Verständnis. «Der Serviceabbau bei den Regionallinien ist nötig, um die Zugbegleitung auf den echten Fernverkehrslinien auszubauen.» Tatsächlich: Neu setzen die SBB in allen Intercity- und Interregio-Zügen zwei Kondukteure ein, um die Billette zu kontrollieren. Das ist bisher nicht überall der Fall. Die Gesamtzahl der SBB-Kondukteure steigt damit um 125.

«Das ist nötig, um die Einnahmen zu sichern», sagt Dutler. Denn in den überfüllten Schnellzügen haben die Zugbegleiter oft Mühe, alle Passagiere zu kontrollieren. Den SBB entgehen dadurch jeden Tag ein zweistelliger Millionenbetrag.

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